Diese 6 beliebten Pflanzenpräparate gefährden die Leber

Nicht alles pflanzliche ist unbedenklich. Verschiedene Nahrungsergänzungsmittel sind nachgewiesenermaßen potenziell lebertoxisch. Wie relevant das für die Anwender ist, zeigt eine Studie aus den USA.

Der Markt boomt

In einer deutschen Umfrage gaben 75% der Teilnehmer an, Nahrungsergänzungsmittel zu konsumieren. Im Jahr 2018 wurden hierzulande 225 Millionen Packungen im Wert von 1,4 Mrd. Euro verkauft. Die Produkte bestehen aus Vitaminen, Mineralstoffen, Kräutern oder pflanzlichen Substanzen und sind auch als „Botanicals“ bekannt. In den USA übertraf der Umsatz der mehr als 80.000 rezeptfrei erhältlichen Supplemente von über 150 Milliarden Dollar für das Jahr 2023 den Umsatz aller verschreibungspflichtigen Arzneimittel.

Zugleich nehmen Fälle von unerwünschten Ereignissen im Zusammenhang mit solchen Supplementen in Notaufnahmen zu, unter anderem durch hepatotoxische Nahrungsergänzungsmittel. Medikamenteninduzierte Leberschädigungen können hepatozelluläre Schädigungen mit Gelbsucht hervorrufen und tödlich verlaufen beziehungsweise eine Organtransplantation notwendig machen. Im prospektiven Register für medikamenteninduzierte Leberschädigungen in den USA spielen lebertoxische Nahrungsergänzungsmittel mittlerweile bei mehr als 20% der erfassten Leberschäden eine Rolle.

Leberschädigende Inhaltsstoffe

Chemische Analysen von Produkten mit potenziell lebertoxischen Wirkungen ergaben häufige Diskrepanzen zwischen den Produktetiketten und den nachgewiesenen Inhaltsstoffen. Sicherheit und Wirksamkeit solcher Nahrungsergänzungsmittel lassen oft zu wünschen übrig, denn pharmakokinetische oder prospektive klinische Studien sind nicht gefordert und fehlen.

Die Hitliste der hepatotoxischen Substanzen führen folgende sechs Pflanzenstoffe an: Kurkuma bzw. Curcumin, Grüntee-Extrakt, Garcinia cambogia, Traubensilberkerze, Roter Reis und Ashwagandha. Wie häufig und aus welchen Gründen Kunden zu ihnen greifen, sollte eine US-amerikanische Studie ans Licht bringen. Laut einer Analyse von Daten zu mehr als 9600 Teilnehmern aus der National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES), einer landesweit repräsentativen Querschnittserhebung in der allgemeinen US-Bevölkerung, konsumierten 57,6% pflanzliche Supplemente.

Eine genauere Analyse der Supplemente-Fans entlarvte vor allem ältere Menschen (mittleres Alter 51,9 vs. 41,5 Jahre) und Frauen (57,7% vs. 43,7%) sowie Personen mit höherem Bildungsstatus (68,6% vs. 52,6%) als typische Anwender. Signifikant mehr Supplement-Nutzer nahmen außerdem gleichzeitig ein verschreibungspflichtiges Medikament ein (70,1% vs. 42,2%). Personen mit chronischen Erkrankungen, Krebs und Fettleibigkeit griffen häufiger zu Supplementen.

Der Anteil der sechs potenziell hepatotoxischen Produkte lag bei 4,7%, schätzungsweise 15,6 Millionen erwachsene US-Bürger hatten in den letzten 30 Tagen des Befragungszeitraums mindestens ein solches Produkt eingenommen. Spitzenreiter war Kurkuma/Curcumin, gefolgt von Grüntee-Extrakt. Die Charakteristika dieser speziellen Nutzergruppe entsprachen denen der Nahrungsergänzungsmittelanwender im Allgemeinen. Die Käufer der potenziell lebertoxischen Substanzen nahmen jedoch im Mittel insgesamt gleich vier Supplemente und obendrauf verschreibungspflichtige Mittel ein.

Arthritis-Patienten vorneweg?

Ein Vergleich ergab: Genauso viele Menschen nahmen potenziell leberschädigende Supplemente ein wie es Patienten gab, denen potenziell hepatotoxische Arzneimittel für ähnliche Indikationen verschrieben wurden, etwa Simvastatin und nichtsteroidale Entzündungshemmer. Eklatanter Unterschied: Bei den Pflanzenprodukten fehlen Regulierungsmechanismen wie eine behördliche Aufsicht über die Herstellung und Prüfung sowie Untersuchungen und Hinweise auf mögliche unerwünschte Ereignisse. Auch eine medizinische Begleitung zur Einnahme fehlt.

Etwa 88% der Nutzer der sechs hepatotoxischen Botanicals handelten aus eigenem Antrieb. Im Vergleich zu Nichtanwendern war unter ihnen das Krankheitsbild Arthritis häufig vertreten (40,0% vs. 19,5%). Weiterhin lagen bei ihnen vermehrt Schilddrüsenstörungen (15,8% vs. 6,8%) und Krebserkrankungen (14,0% vs. 6,8%) vor. Die Konsumenten erhofften sich von Kurkuma, grünem Tee und Co. vor allem „eine Verbesserung oder Erhaltung der Gesundheit”, “die Vorbeugung von Gesundheitsproblemen” oder die “Stärkung des Immunsystems”.

Beratung und Aufklärung

Obwohl diese konkreten Daten aus den USA stammen, sind sie vermutlich in ihrer Tendenz auf deutsche Verhältnisse übertragbar. Ohne Frage sind auch hierzulande derartige Präparate und damit auch deren lebertoxisches Potenzial relevant. Sofern diese Produkte in der Apotheke nachgefragt werden, ergibt sich eine gute Gelegenheit zur fachlichen Beratung und gegebenenfalls Warnung. Dies sollte das Apothekenpersonal nicht ungenutzt lassen.

Auch Ärzte sollten aus Sicht der Studienautoren auf die möglichen schädigenden Wirkungen durch den Konsum der genannten Mittel hinweisen. Darüber hinaus ist bei unklaren Symptomen oder Anomalien der Leber oder abweichenden Leberwerten an die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln zu denken.

Quelle

Likhitsup A, Chen VL, Fontana RJ. Estimated exposure to 6 potentially hepatotoxic botanicals in US adults. JAMA Netw Open 2024;7(8):e2425822. doi:10.1001/jamanetworkopen.2024.25822.

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