Eine Schwangerschaft stellt für die werdenden Mütter eine Ausnahmesituation dar, die durch Erkrankungen wie Migräne erschwert werden kann. In einer Pressekonferenz anlässlich des diesjährigen Kopfschmerztages wurden Therapieoptionen von schwangeren Migränepatienten analysiert: Es besteht Handlungsbedarf.
Hohe Migräneprävalenz bei Schwangeren
Knapp 15% der Frauen und 6% der Männer in Deutschland leiden an Migräne. Diese Ergebnisse der Krankheitslaststudie Burden aus dem Jahr 2020 stellte Dr. med. Wolfang E. Paulus im Rahmen einer Pressekonferenz anlässlich des Deutschen Kopfschmerztages 2024 vor. Besonders hoch ist die Prävalenz bei den 18- bis 29-Jährigen und damit bei Frauen im gebärfähigen Alter, bei denen die Pharmakotherapie aufgrund mangender Sicherheits- und Wirksamkeitsdaten in der Schwangerschaft oft besonders herausfordernd ist. Denn die Anwendung von nicht ausreichend geprüften Arzneimitteln kann dramatische Folgen für das ungeborene Kind haben, wie etwa der Contergan-Skandal zeigt.
Das macht die medikamentöse Behandlung in dieser sensiblen Lebensphase zu einem ethisch und rechtlich komplexen Unterfangen und schafft große Unsicherheit, sowohl bei Ärztinnen und Ärzten als auch bei den werdenden Müttern.“
Wirksamkeit bei Schwangeren, Sicherheit fürs Kind
Bei leichten Migräneattacken von Schwangeren rät Paulus zunächst zu nicht-medikamentösen Akutmaßnahmen, beispielsweise Reizabschirmungen, Ruhe, Eispackungen oder auch Entspannungstechniken. Doch auch medikamentöse Therapien sind möglich.
Medikamentöse Akuttherapie
So zählt Paracetamol beispielsweise zu den weltweit am häufigsten verwendeten Arzneimitteln zur Akutbehandlung während der Schwangerschaft. In statistischen Auswertungen der letzten Jahre wurde jedoch immer wieder der Verdacht von Komplikationen bei den Nachkommen durch Paracetamol geäußert – beispielsweise ein erhöhtes Asthmarisiko. Die Ergebnisse einer schwedischen Studie mit fast 2,5 Millionen Kindern aus 2024 konnten jedoch Entwarnung geben und auch Paulus gibt an:
Für die Akutbehandlung von Kopfschmerzen wird Paracetamol somit weiterhin als sicherstes Analgetikum in der Schwangerschaft betrachtet.“
Wie jedes Arzneimittel sollte jedoch auch Paracetamol in der Schwangerschaft nur mit klarer Indikation, zeitlich begrenzt und auf ärztlichen Rat hin eingenommen werden.
Der kurzfristige Einsatz nichtsteroidaler Antiphlogistika (NSAID) wie Ibuprofen für die Akutbehandlung gelte vor dem letzten Schwangerschaftsdrittel als unbedenklich, so Paulus und auch für Sumatriptan könne man inzwischen von ausreichender Sicherheit ausgehen.
Und dennoch:
Die Auswahl an Medikamenten, die in der Schwangerschaft zur Migränebehandlung eingesetzt werden dürfen, ist sehr begrenzt. Manche bieten eine gewisse Sicherheit, doch bei anderen gibt es erhebliche Bedenken.“
Insbesondere für die neu etablierte Wirkstoffklasse der CGRP-Antikörper gebe es noch keine ausreichende Datenlage, um Empfehlungen auszusprechen. Auch für Botulinumtoxin mangelt es an Erfahrungswerten.
Migräneprophylaxe
Bezüglich der Prophylaxe warnte Paulus besonders vor Topiramat. Denn das Arzneimittel ist bei Schwangerschaft sowie bei Frauen im gebärfähigen Alter, die keine wirksame Empfängnisverhütung anwenden, aufgrund eines erhöhten Risikos für Fehlbildungen und neurologische Entwicklungsstörungen kontraindiziert.
Es mangelt an klinischen Studien
Der mögliche Einsatz von Migräne-Arzneimitteln in der Schwangerschaft ist immer eine Nutzen-Risiko-Abwägung, betonte Paulus, denn auch keine Therapie kann zu Problemen für die ungeborenen Kinder führen, beispielsweise durch Stress. Dennoch sollte eine Schädigung des ungeborenen Kindes vor Therapieeinsatz möglichst ausgeschlossen werden. Hier mangelt es an randomisierten klinischen Studien mit Schwangeren – im Wesentlichen stehen Beobachtungsstudien mit sehr inhomogenen Expositionsdaten zur Verfügung. Paulus appellierte daher an eine gezielte Förderung der Forschung zur Verbesserung der Datenlage. In Deutschland kümmern sich hauptsächlich die zwei Institutionen EMBRYOTOX (Charité) und REPROTOX (Ulm) um die Beratung und Risikobewertung bei Arzneimitteltherapie in Schwangerschaft und Stillzeit.
Quelle
Dr. med. Wolfang E. Paulus. Kopfschmerztag 2024: Unterversorgung von Schwangeren in der Migräne- und Kopfschmerztherapie. Wirksamkeit für die Mutter – Sicherheit für das Kind. Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. Online-Pressekonferenz am 5. September 2024.
Kopfschmerztag 2024: Bessere Versorgung von Migränepatientinnen in Schwangerschaft und Stillzeit. Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. Pressemitteilung vom 5. September 2024.
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