Menschen, die durch Selbstmord starben, suchten in den letzten Wochen ihres Lebens häufig ihren Hausarzt auf. Eine Chance zur Prävention?
Chance für Hausärzte
10.119 Menschen begingen im Jahr 2022 in Deutschland Suizid. Die Zahl der Suizidversuche ist jedoch nach Schätzung der WHO 10- bis 20-mal höher einzustufen. Ärzte und Fachgesellschaften wollen mit verschiedenen Ansätzen Selbstmorde verhindern. Den 10. September erklärte die WHO zum Welttag der Suizidprävention. Doch wie können potenzielle Fälle frühzeitig erkannt werden? Vielleicht durch die Hausärzte, denn sie werden offenbar im Vorfeld häufig konsultiert.
Entsprechende Hinweise liefert eine retrospektive Studie unter Zuhilfenahme von Krankenakten aus Schweden. In dieser wurde ein Fünftel aller Suizide analysiert, die sich im Jahr 2015 in Schweden ereigneten und bei denen die Personen in den letzten 30 Tagen ihres Lebens einen Hausarzt aufsuchten (238 von 1179). Von diesen hatten 113 zuvor Kontakt zu psychiatrischen Diensten (pD). Das Durchschnittsalter betrug 58 ± 19 Jahre.
Bei mehr als der Hälfte der Stichprobe traten somatische Symptome wie Schmerzen, Herz- und Atembeschwerden oder ebenso häufig psychiatrische Symptome, also seelische Beschwerden oder eine Antidepressiva-Rezeptierung, auf. Festgestellt wurde ein Suizidrisiko nur bei 6% aller Personen, 14% wurden an psychiatrische Dienste überwiesen.
Kardiovaskuläre oder respiratorische Symptome wurden bei 19% diagnostiziert, häufiger bei denen ohne psychiatrische Hilfestellung (npD) (30% vs. 6%, p < 0,001). In dieser Subgruppe waren auch Diagnosen, die das Kreislaufsystem betrafen, häufiger (alle 10%; npD 14% vs. pD 5%, p < 0,020). Ungefähr die Hälfte der Patienten bekam Antidepressiva, was zwar dem psychologisch-psychiatrischen Behandlungsbedarf entspricht, jedoch offenbar keine ausreichende Maßnahme darstellte.
Somatische Beschwerden vorneweg
Die Studienautoren stellten zusammenfassend fest, dass Patienten unabhängig von einer Inanspruchnahme von psychiatrischen Diensten oft somatische Symptome aufwiesen.
Eine Vermutung der Autoren ist, dass die Patientenhistorie die hausärztliche Behandlungsentscheidung beeinflusst hat. Denn psychiatrische Symptome wurden bei zwei Dritteln der Personen mit vorherigem psychiatrischen Kontakt diagnostiziert, jedoch nur bei der Hälfte der Personen ohne. Die Hausärzte erkannten bei mehr als der Hälfte aller einbezogenen Personen psychiatrische Symptome, allerdings nur selten ein Suizidrisiko. Die Studienautoren folgern, dass psychiatrischen Symptomen und der Beurteilung des Suizidrisikos mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden muss, insbesondere bei Patienten im mittleren und höheren Alter mit kardiovaskulären und respiratorischen Beschwerden ohne psychiatrische Vorgeschichte. Atembeschwerden, Druckgefühl in der Brust oder Herzklopfen könnten fälschlicherweise als somatisch angesehen werden, in Wirklichkeit aber Angstsymptome sein. Grundsätzlich weisen außerdem Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhte Depressionsraten auf.
Projekte zur Früherkennung
Mithilfe von verschiedensten Daten und künstlicher Intelligenz versuchen Forscher ein bestehendes Suizidrisiko vorauszusagen. Ein US-amerikanisches Vorhersagemodell soll suizidgefährdete Personen im Rahmen einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Eingangsuntersuchung identifizieren. In Deutschland haben zwei Projekte prospektive Studien durchgeführt und Fragebögen entwickelt: das Frankfurter Projekt zur Prävention von Suiziden mittels Evidenz-basierter Maßnahmen (FraPPE) sowie das bayerische SuPr-X (Suizidprävention in der Primärversorgung).
Quellen
Öberg NP, Lindström SP, Bergqvist E, et al. Last general practitioner consultation during the final month of life: a national medical record review of suicides in Sweden. BMC Prim Care 2024;25:256. https://doi.org/10.1186/s12875-024-02498-y.
Papini S, Hsin H, Kipnis P, et al. Validation of a multivariable model to predict suicide attempt in a mental health intake sample. JAMA Psychiatry. 2024;81(7):700–7. doi:10.1001/jamapsychiatry.2024.0189.
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