Dass zu viel Salz ungesund ist, wissen wir – etwa in Bezug auf das kardiovaskuläre Risiko. Doch was ist mit Magenkrebs? Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie erhöht Nachsalzen das Risiko für Magenkrebs um 41%. Absolut gesehen ist der Effekt aber längst nicht so groß wie in den Medien dargestellt. Ein gefundenes Fressen für die Autoren der „Unstatistik des Monats“.
Wenn aus kleinen Effekten große werden
Wer viel Salz isst, hat ein um etwa 40% höheres Risiko für die Entstehung von Magenkrebs, meldeten einige Medien nach Erscheinen einer in Gastric Cancer veröffentlichten Studie. Ein Wiener Autorenteam hatte Daten der UK-Biobank ausgewertet. Von den rund 470.000 Teilnehmern hatten 55% angegeben, „nie“ oder „selten“ ihr Essen nachzusalzen, 5% „immer“ und die restlichen „manchmal“ oder „meistens“. Insgesamt wurden in den knapp 11 Jahren mediane Nachbeobachtungszeit 640 Magenkrebsfälle verzeichnet:
- Nie oder selten: 322 von 261.195 (0,12%)
- Manchmal: 175 von 132.238 (0,13%)
- Meistens: 90 von 54.753 (0,16%)
- Immer: 53 von 22.958 (0,23%)
Das Hazard-Ratio zwischen den „Immer-Nachsalzern“ und den „Nie-oder-selten-Nachsalzern“ betrug 1,41 (95%-Konfidenzintervall 1,04–1,90) – also ein um 41% erhöhtes relatives Risiko.
Absolut gesehen waren es 0,108 Prozentpunkte [PP] mehr. „Nicht besonders beeindruckend“, schreiben die Autoren der Unstatistik. Allerdings hätten bereits die Autoren der Studie diesen kleinen Anstieg als relativen Anstieg ausgedrückt.
Das klingt dann schon sehr beeindruckend. […] Die Medien arbeiteten mit einem Trick, um den kleinen negativen Effekt von Nachsalzen größer aussehen zu lassen, als er wirklich ist. Der Trick besteht darin, einen kleinen absoluten Anstieg des Risikos aufzublähen, indem man nur den relativen Anstieg (41% mehr) berichtet.
Absolutes versus relatives Risiko
Nach Adjustierung in Bezug auf Ernährung, Rauchstatus, Alkoholkonsum u. a. ergibt sich ein absoluter Anstieg des Risikos von 0,05 PP. Dieser absolute Wert wird in der Studie – entgegen der Empfehlung für medizinische Studien – nirgends klar benannt, monieren die Unstatistiker.
Eine Schlagzeile „Nachsalzen erhöht das Risiko für Magenkrebs um 0,05 Prozentpunkte“ hätte wohl auch keine mediale Aufmerksamkeit erzeugt.
Den Unterschied zwischen relativem und absolutem Anstieg eines Risikos zu verstehen, sei eigentlich gar nicht so schwer und wesentlich für Risikokompetenz.
Solange diese Kompetenz aber nicht weit verbreitet ist, werden Medien wie leider auch einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weiterhin die Öffentlichkeit durch relative Risiken in Angst versetzen, obwohl das absolute Risiko minimal ist.
Zwischen dem geschätzten Natriumgehalt im 24-h-Urin und dem Auftreten von Magenkrebs konnte in der Studie kein signifikanter Unterschied festgestellt werden (Hazard-Ratio 1,19; 95%-Konfidenzintervall 0,87–1,61).
Unstatistik des Monats
Mit der Unstatistik des Monats hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat jüngst publizierte Zahlen und deren Interpretationen.
Quelle
- Unstatistik des Monats vom 28. Mai 2024, Mehr Magenkrebs durch mehr Salz in der Suppe
- Kronsteiner-Gicevic S, et al. Adding salt to food at table as an indicator of gastric cancer risk among adults: a prospective study. Gastric Cancer 2024 Apr 17. doi: 10.1007/s10120-024-01502-9. Online ahead of print.