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Deutschland tut noch immer zu wenig für die Herzgesundheit

Ein Drittel der Todesfälle in Deutschland sind auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurückzuführen. Es habe sich zwar viel in punkto Behandlung getan, doch Präventionsmaßnahmen ließen zu wünschen übrig, so ein Fazit der Experten auf der Eröffnungspressekonferenz der 90. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) am 3. April 2024.

Vermeidbares Risiko Herz-Kreislauf-Erkrankung

Die Herzinsuffizienz ist eine Erkrankung des Alters. Mehr als die Hälfte der Patienten habe sieben oder mehr Begleiterkrankungen, wie DGK-Tagungspräsident Prof. Dr. Christoph Maack, Würzburg, erläuterte. Diese beeinflussen den Verlauf der Herzinsuffizienz und die Sterblichkeit. Neue Medikamente richten sich vor allem gegen die Entzündungsprozesse im Körper. Maack führte außerdem aus, wie wichtig Präventionsmaßnahmen sind. Eine wichtige und seit Längerem bekannte Säule der Prävention ist das Vermeiden von Übergewicht. Bekannt ist auch, dass körperliche Aktivität das Risiko für eine Herzinsuffizienz mit erhaltener Pumpfunktion und mediterrane Diät allgemein die kardiovaskuläre Sterblichkeit verringern kann.

Ein neuer Risikofaktor ist der Klimawandel, betonte Maack. Mit dem Anstieg der Hitzetage ist in den letzten Jahren auch die Zahl der Hitze-assoziierten Sterbefälle bei Menschen > 65 Jahre weltweit gestiegen – in den letzten 20 Jahren von ca. 150.000 auf 300.000 Todesfälle/Jahr.

In der Hitparade der Hitzetodesfälle rangiert Deutschland nach China und Indien […] auf Position 3.

Diese Sterbefälle werden hauptsächlich auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurückgeführt – vor allem auf Herzinfarkt und Herzschwäche. Ein weiteres Problem ist Maack zufolge die Luftverschmutzung, insbesondere, da sich die Risikofaktoren Feinstaub und Hitze gegenseitig verstärken können.

Synergien nutzen

Man müsse Patienten besser über die Risiken von Hitze aufklären und ihnen Empfehlungen an die Hand geben – etwa zum Flüssigkeitshaushalt und der medikamentösen Behandlung, so Maack. Außerdem müsse man langfristig daran gehen, die Städte umzuplanen. Dazu gehöre, mehr Grünflächen zu schaffen und weniger Autoverkehr in die Städte zu lassen.

Es gelte, Synergien zu nutzen: Mediterrane, Fisch- und vegetarische Diäten könnten über die Senkung globaler Emissionen somit auf zweifache Weise das kardiovaskuläre Risiko senken. Das Gleiche gelte für den Umstieg vom Auto aufs Fahrrad: direkt über das Mehr an Bewegung und indirekt über den Einfluss auf das Klima.

Wahrnehmung für kardiovaskuläre Erkrankungen stärken

Prof. Stephan Baldus, Köln, monierte, dass Deutschland in Bezug auf das kardiovaskuläre Risiko nur im europäischen Mittelfeld liege. Die Kosten für Behandlungen seien enorm – sie betrugen im Jahr 2020 allein für Herz-Kreislauf-Erkrankungen 56,7 Mrd. Euro. Der Anteil der Ausgaben für Früherkennungsmaßnahmen an den Gesamtausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherungen lag 2022 bei < 1% – und darunter sei der größte Teil für Krebsvorsorgeuntersuchungen gewesen, so Baldus.

Als ein wichtiges Projekt der Herzallianz, um die Awareness für die kardiovaskuläre Gesundheit in der Bevölkerung zu steigern, stellten Baldus und Prof. Ulf Landmesser, Berlin, das Vroni-Projekt vor. In Bayern konnten darüber bereits 222 Kinder mit Familiärer Hypercholesterinämie (FH) identifiziert und einer Behandlung zugeführt werden. Bei einer Prävalenz von 1:300 biete sich die FH für eine Screening-Untersuchung an.

Eine weitere wichtige Möglichkeit zur Reduzierung der Sterblichkeit sei Baldus zufolge u.a. die Grippe-Schutzimpfung bei Patienten nach Herzinfarkt oder mit Herzschwäche. Was nicht umgesetzt werden konnte, sei ein Screening auf Herzinsuffizienz bei asymptomatischen Patienten über den BNP-Wert.

Impfen wir unsere Hochrisiko-Patienten nach Herzinfarkt? Nein, tun wir nicht! […] [Und] wenn wir Hepatitis-Screening anbieten in Deutschland, aber nicht in der Lage sind, dem Hausarzt die Möglichkeit zu geben, beim asymptomatischen Patienten einmal den BNP-Spiegel zu bestimmen für 19,80 Euro, ist hier […] etwas verrückt.

Auch die Reanimation sei – etwa im Vergleich zu Schweden – noch stiefmütterlich entwickelt in Deutschland. „Wir müssen besser werden“, betonte Baldus. Landmesser ergänzte:

Die Bedeutung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist überhaupt nicht ausreichend bekannt in der Bevölkerung und […] wir haben ja mittlerweile sehr gute Möglichkeiten der Prävention.

Man müsse diese Möglichkeiten jedoch nutzen, waren sich die Experten einig.

Quelle

Christoph Maack, Würzburg, Stephan Baldus, Köln, Ulf Landmesser, Berlin, Eröffnungspressekonferenz der 90. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, 3. April 2024, Mannheim

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