Potenziell inadäquate Medikamente bei älteren Menschen verursachen Klinikeinweisungen, vor allem in Verbindung mit Polypharmazie.
Polypharmazie und Notaufnahmen
Die regelmäßige Einnahme von mindestens fünf verschiedenen Arzneimitteln steht in signifikantem Zusammenhang mit der Verwendung von potenziell inadäquaten Medikamenten im Alter (PIM) und medikationsbezogenen Problemen. Eine frühere Metaanalyse wies bereits auf einen Zusammenhang zwischen PIM und negativen Folgen hin: Einlieferungen in die Notaufnahme, Funktionseinbußen, unerwünschte Arzneimittelwirkungen, Krankenhausaufenthalte und eingeschränkte Lebensqualität. Auch ein Lösungsansatz ist bekannt: Eine systematische Überprüfung ergab, dass eine reduzierte PIM-Einnahme unter Anwendung des Screening Tool of Older Person’s Prescriptions/Screening Tool to Alert doctors to Right Treatment (STOPP/START) Folgen wie Stürze und Delirium, die Aufenthaltsdauer in Kliniken, Pflegeaufenthalte und Kosten senken kann. Also alles ganz einfach? Wie es in der Praxis aussieht, wollten australische Wissenschaftler wissen.
In einer retrospektiven Beobachtungsanalyse untersuchten sie die Medikation bei 200 Patienten im Alter von über 65 Jahren (Durchschnittsalter 80,9 Jahre, 60,5% Frauen), die in die Notaufnahme einer Melbourner Klinik eingeliefert wurden. Die Fragestellungen lauteten: Inwieweit besteht ein Einfluss durch regelmäßig eingenommene Arzneimittel, wie sieht die Prävalenz von Polypharmazie und PIM aus? Zur Bewertung der PIM wurden die STOPP/START-Kriterien verwendet; ein Expertengremium beurteilte damit verbundene Risiken.
PIM bei über 90%
Polypharmazie lag bei 80,5% der Patienten vor, insbesondere bei älteren. 92,5% nahmen mindestens ein PIM ein, 40,5% nahmen insgesamt 131 Substanzen der STOPP-Kategorie, 88,5% wiesen START-Lücken auf.
Trotz der Versäumnisse bezüglich der Pneumokokkenimpfung (71 %), saisonaler Grippeimpfung (42 %) und einer Vitamin-D-/Calcium-Supplementierung bei Patienten mit Osteoporose oder Frakturen in der Vorgeschichte (29,5 %) ergab sich kein signifikanter Zusammenhang zwischen Polypharmazie und START-Auslassungen. Mit STOPP-PIM dagegen korrelierte Polypharmazie signifikant (Odds-Ratio 4,8; 95%-Konfidenzintervall [KI] 1,90–12,1; p = 0,001). Für jedes zusätzliche Medikament stieg die Wahrscheinlichkeit für eine STOPP-PIM um 1,20 (95%-KI 1,11–1,28).
Nahezu jede zehnte Notaufnahme stand vermutlich im Zusammenhang mit PIM. Von diesen Mitteln stufte das Expertengremium acht (38 %) als hohes Risiko für eine Krankenhauseinweisung ein, fünf (24 %) als mittleres Risiko und acht (38 %) als geringes Risiko.
Problematisch: Benzodiazepine
Die häufigsten STOPP-PIM waren Benzodiazepine. Für deren Einnahme ist ein erhöhte Sturzrisiko bekannt; 34% der Studienteilnehmer wurden auch wegen Stürzen eingeliefert. Demenz oder Delirium als Komorbiditäten traten bei 16% auf. Auch hier hat die langfristige Einnahme von Benzodiazepinen eine entscheidende Bedeutung, denn ihnen wird ein nachteiliger Effekt auf die Kognition zugeschrieben.
Ferner identifizierten die Autoren PIM, die ohne evidenzbasierte klinische Indikation verschrieben wurden. Sie stießen auf niedrig dosierte Acetylsalicylsäure ohne Vorgeschichte einer ischämischen Herzerkrankung oder eines Schlaganfalls sowie Pantoprazol ohne Vorgeschichte einer gastroösophagealen Reflux- oder peptischen Ulkuserkrankung. Auch Doppelmedikationen fielen auf: die gleichzeitige Einnahme von Oxazepam und Temazepam oder Meloxicam und Ibuprofen.
PIM reduzieren, Notfälle vermeiden
Bei über 21 % der Notaufnahmen in australischen Kliniken handelt es sich um Patienten über 65 Jahre. Die Prävalenz der Polypharmazie ist mit etwa zwei Drittel der über 75-Jährigen bemerkenswert hoch und nimmt weiter zu. Ähnliches gilt für die Einnahme von PIM. Die Patienten mit Polypharmazie in dieser Studie nahmen im Median neun Medikamente ein. Das deckt sich mit den Ergebnissen anderer Studien und ist daher auch auf Europa übertragbar.
Die Ergebnisse unterstreichen die Relevanz von Identifizierung, Prävention und Management von PIM, insbesondere bei Polypharmazie. Mit dem STOPP-START-Tool steht bereits ein Problemlöser zur Verfügung, es wird jedoch offenbar zu selten genutzt. Die Studienautoren schlagen daher eine umfassende Überprüfung und Deprescribing-Maßnahmen durch Apotheker in der Notfallmedizin vor. Darüber hinaus plädieren sie für Aufklärung über Deprescribing in der Ausbildung von Gesundheitsberufen, Aufklärungsmaßnahmen für Patienten und ihre Betreuer zur Verringerung des Medikamentenverbrauchs sowie vermehrte Medikationsanalysen.
Quelle
Tran HTM, Roman C, Yip G, Dooley M, et al. Influence of potentially inappropriate medication use on older Australians’ admission to emergency department short stay. Geriatrics 2024; 9:6.