Der Natriumgehalt von rezeptfreien Arzneimitteln und Nahrungsergänzungen kann für Patienten mit Bluthochdruck gefährlich werden. Bereits mit einer üblichen Tagesdosis solcher Präparate kann die maximal empfohlene Natriummenge bereits überschritten sein.
Viel Natrium als Risikofaktor
Eine natriumreiche Ernährung ist assoziiert mit erhöhtem Blutdruck und vermehrten kardiovaskulären Ereignissen. Der Natriumkonsum gilt als weltweit wichtiger Risikofaktor für vorzeitigen Tod. Daher empfiehlt die WHO eine Begrenzung der Natriumzufuhr für Erwachsene auf weniger als 2000 mg pro Tag.
Dementsprechend gilt eine reduzierte Natriumaufnahme als ein relevanter Hebel in der Behandlung von Hypertonie. Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass der systolische und der diastolische Blutdruck durch eine natriumreduzierte Kost im Vergleich zur natriumreichen Kost gesenkt werden kann. So empfiehlt unter anderem die S3-Leitlinie Nationale VersorgungsLeitlinie Hypertonie von Juni 2023: „Patient*innen mit Hypertonie soll empfohlen werden, weniger als 6 g Kochsalz pro Tag zu sich zu nehmen.“
Käse, Snacks und Fertiggerichte als typische „Natriumchloridfallen“ sind sowohl Ärzten und Apothekern als auch vielen Patienten geläufig – anders als Brausetabletten. Die Autoren einer Studie lenkten jüngst die Aufmerksamkeit auf diese Produkte. Vor allem schwerlöslichen Wirkstoffen wird darin Natriumbicarbonat und/oder Natriumcitrat zugefügt, damit sie sich schnell und vollständig in Wasser auflösen.
Natriumgehalt höher als Tageslimit
Die Wissenschaftler analysierten 39 deutsche und 51 in den USA erhältliche Nahrungsergänzungsmittel (NEM) sowie 33 deutsche OTC-Arzneimittel. Der ermittelte durchschnittliche Natriumgehalt der NEM betrug 283,9 ± 122,6 mg Natrium pro Tablette. Einzelne Werte lagen zwischen 76,0 mg und 564,7 mg. Mediane Spitzenwerte von 378,3 ± 112,8 mg wiesen Vitaminpräparate auf, gefolgt von Magnesium- (232,7 mg), Calcium- (170,4 mg) und Mineralstoffpräparaten (191,6 mg).
Deutsche OTC-Arzneimittel enthielten zwischen 52 und 575 mg Natrium pro Brausetablette, im Median 157,0 mg. Dabei fielen insbesondere Schmerz- und Erkältungsmittel mit medianen 452,1 mg Natrium auf. Sechs Produkte enthielten mehr als 500 mg Natrium in einer Tablette. Bei einem OTC-Produkt hätte die Einnahme der empfohlenen Tagesdosis eine Natriumzufuhr von 2776,5 mg zur Folge. Ähnlich bei anderen Präparaten: Je nach Produkt würde bereits mit fünf bis acht Tabletten, also einer vom Hersteller angegebenen üblichen Tagesdosis, die maximal empfohlenen täglichen Zufuhr (MRDSI) an Natrium überschritten, ohne dass der Anteil von der Nahrung überhaupt Beachtung findet.
Na-Mengen mit Gesundheitsrelevanz
Die Brausetabletten können laut Studiendaten wesentlich zur täglichen Natriumaufnahme beitragen. Im Einzelfall erreichen Produkte bis zu 28% der MRDSI pro Tablette. Ausgehend von der empfohlenen Höchstmenge von 2000 mg Natrium pro Tag kann bereits eine einzige Brausetablette 4 bis 28 % der empfohlenen Na-Tageshöchstmenge enthalten.
In einer Fall-Kontroll-Studie wurde bereits der Zusammenhang zwischen kardiovaskulären Ereignissen und natriumhaltigen Brause-, Dispersionstabletten und löslichen Arzneimitteln untersucht. Das bereinigte Odds-Ratio (OR) für die Exposition gegenüber natriumhaltigen Medikamenten betrug 1,16 (95%-Konfidenzintervall [KI] 1,12 bis 1,21) für das Kompositum aus Myokardinfarkt, Schlaganfall oder vaskulärem Tod, 1,28 (95-% KI 1,23 bis 1,33) für die Gesamtmortalität und 7,18 (95%-KI 6,74 bis 7,65) für Hypertonie.
Die versteckten Natriumquellen beachten
2021 wurden in Deutschland knapp vier Millionen Packungen solcher Schmerz- und Erkältungsmittel, über fünf Millionen Packungen Husten-Brausetabletten sowie mehr als 52 Millionen Defined Daily Doses an Calcium-/Vitamin-D-Präparaten verkauft. Wieviel Natrium jeweils in apothekenpflichtigen Mitteln steckt, muss angegeben sein, für freiverkäufliche Nahrungsergänzungsmittel gilt jedoch keine Kennzeichnungspflicht.
Die Studienautoren stufen daher das Thema als äußerst praxisrelevant ein. Aufgrund der längeren Einnahmedauer sehen sie die Bedeutung von Vitamin- und Mineralstoffprodukten als relevanter an als bei den höheren Natriumgehalten von Erkältungs- oder Schmerzmitteln.
Vor allem Menschen mit Bluthochdruck sollten bei der Einnahme von Nahrungsergänzungs- und Arzneimitteln in Form von Brausetabletten besonders vorsichtig sein, das empfiehlt auch die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung (DGK). Hier kann eine Tablette zum Schlucken die bessere Wahl sein.
Quelle
Kunz M, Götzinger F, Jacobs CM, Lauder L, et al. Hidden sodium in effervescent-tablet dietary supplements and over-the-counter drugs: a comparative cross-sectional study. BMJ Open 202327;13(11):e076302.