Einer flog über das Kuckucksnest?

Entfernung eines Gehirnlappens, Kappung der Verbindung zwischen den Hirnhälften oder Abtrennung einer ganzen Gehirnhälfte – all das mag sich barbarisch anhören, hat aber Gott sei Dank wenig mit dem Miloš-Forman-Film und dem zugrundeliegenden Roman von Ken Kesey zu tun.

Dort wird die überwiegend in den 40er- bis 60er-Jahren praktizierte zunächst präfrontale, später transorbitale Lobotomie thematisiert, bei der mit einem eispickelähnlichen Instrument Nervenfasern im Stirnlappen durchtrennt wurden. Dazu wurden die Stahlnadeln am Augapfel vorbeigeschoben, durch die dünne Knochenschicht zwischen Augenhöhle und Gehirn getrieben und hin- und hergeschwungen.

Angewendet wurde sie bei psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie, Psychosen und schweren Depressionen. Viele der Patienten wurden nach dem Eingriff apathisch und lebenslang pflegebedürftig oder litten an kognitiven Defiziten. Zudem kam es zu Todesfällen aufgrund von Hirnblutungen oder Infektionen.

Anfallsfrei dank Hirn-OP

Eingangs genannt sind jedoch Methoden der modernen Epilepsiechirurgie, die bei arzneimittelresistenter Epilepsie einen möglichen Weg zur Anfallsfreiheit darstellen. Eine schlecht eingestellte bzw. therapieresistente Epilepsie kann mit einem erhöhten Sterblichkeit verbunden sein und führt in der Regel zu einer eingeschränkten Lebensqualität. Als therapieresistent gilt eine Epilepsie, wenn die medikamentöse Therapie mit mindestens zwei Arzneimitteln keinen Erfolg brachte oder die Nebenwirkungen jenseits des Tolerierbaren sind. Die Operation darf nur nach umfassender prächirurgischer Diagnostik erfolgen, denn eine wichtige Voraussetzung, die es abzuklären gilt, ist, dass die Gehirnregion, in der der Anfall entsteht, klar eingegrenzt werden kann.

Therapieoption für Kinder?

In einer randomisierten Single-Center-Studie wurden 116 Patienten untersucht, die höchstens 18 Jahre alt waren. 88 davon hatten mindestens einen Anfall pro Tag. 57 Kinder wurden der OP-Gruppe (Operation plus Arzneimitteltherapie) zugeteilt, 59 kamen auf die Warteliste und wurden derweil als medikamentöse Kontrollgruppe geführt. Primärer Endpunkt war die Anfallsfreiheit über 12 Monate.

Je nach betroffener Hirnregion wurden folgende Operationen durchgeführt:

  • Resektion des Schläfenlappens
  • Lobektomie – Entfernung eines anderen Gehirnlappen(teil)s
  • Hemisphärotomie – Abtrennung der anfallserzeugenden Hirnhälfte
  • Callosotomie – Durchtrennung des Corpus callosum („Balken“; Faserverbindung zwischen den beiden Hirnhälften)
  • Entfernung/Abtrennung eines hypothalamischen Hamartoms (Gewebeveränderung durch atypisch differenziertes Keimgewebe)

Über 70 % der Patienten blieben im Jahr nach dem Eingriff anfallsfrei, in der Kontrollgruppe waren es nur 7%.

Postoperativ traten erwartete motorische, sensorische oder kognitive Defizite auf, in Abhängigkeit von den resezierten/abgetrennten Hirnarealen – beispielsweise Mono- oder Hemiparesen. Diese Symptome besserten sich im Laufe der 12 Monate nach dem Eingriff jedoch wieder.

Oft sind mit diesen gravierenden Eingriffen jedoch keine neuen Funktionsausfälle verbunden, da das kindliche Gehirn eine ausgeprägte Neuroplastizität hat und häufig aufgrund der zugrundeliegenden Läsionen viele Funktionen bereits vor der Operation in die gesunde Hemisphäre verlagert wurden, so eine Meldung der Gesellschaft für Neuropädiatrie.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.