Im Notfall müssen oft Angehörige entscheiden, welche Behandlung ein Patient erhält. Nicht immer deckt sich die Entscheidung mit dem Wunsch des Patienten, wie eine Untersuchung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) ergab.
Wenn Angehörige über Behandlungen entscheiden müssen
Intensivpatienten sind häufig nicht entscheidungsfähig oder können ihre Therapiewünsche nicht äußern. In so einem Fall werden meistens Angehörige nach den Wünschen des Patienten gefragt. Wie genau diese aber über den Patientenwillen Bescheid wissen, ist weitgehend unklar.
In einer Studie am UKE unter Leitung von Prof. Dr. Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin, sollte nun geklärt werden, wie gut Familienmitglieder den Willen des Patienten kennen. Es sei immens wichtig, dass Angehörige Auskunft geben können, denn in den seltensten Fällen liege eine Patientenverfügung vor, so Kluge in einer Pressemitteilung des Klinikums zur Studie.
Viele Notfall- und Intensivpatient:innen können aufgrund der Schwere ihrer Erkrankung ihre Wünsche zu Behandlung, Therapiezielen und erwarteter Lebensqualität nicht kommunizieren, sodass wir Ärzt:innen darüber mit den Angehörigen sprechen müssen.
Wissen Angehörige, was Patienten wollen?
Es wurden 105 Paare aus normalstationären Patienten mit Risiko für eine künftige Intensivbehandlung und deren Angehörige getrennt voneinander zu Wünschen des Patienten befragt. Dabei ging es um acht verschiedene Behandlungsoptionen (Antibiotika, medikamentöse Kreislaufunterstützung, Dialyse, künstliche Ernährung, Beatmung, Organtransplantation, Kunstherz, Reanimation) sowie sechs Lebensqualitätsziele (Bewusstsein, Kommunikation, Selbstversorgung, körperliche Beschwerden, Alltagsaktivitäten, Mobilität).
Gut die Hälfte der Paare gab an, über Wünsche des Patienten gesprochen zu haben. Trotzdem waren sich nur 37,1 % der Angehörigen sicher, den Patientenwillen korrekt wiedergeben zu können. Knapp die Hälfte gab aber an, sich trotz Schwierigkeiten oder Widerspruch zur eigenen Meinung darum zu bemühen, den Willen des Patienten richtig weiterzugeben. Die Patienten wiederum hatten höheres Vertrauen in die eigenen Angehörigen als in die Behandelnden Ärzte, ihren Willen richtig einschätzen zu können.
Nicht immer treffen Anghörige die richtige Entscheidung
In der Befragung stimmten Patientenwille und Entscheidung der Angehörigen hinsichtlich Behandlungen im Mittel zu 82,1 % überein – mit Unterschieden in den einzelnen Bereichen. Bei den medikamentösen Maßnahmen (Antibiotika/Kreislaufunterstützung) lagen die Angehörigen mit über 90% Übereinstimmung am häufigsten richtig, die größte Abweichung gab es hinsichtlich der Akzeptanz eines Kunstherzes (nur 56,2% Übereinstimmung).
Im Hinblick auf die maximal akzeptierte Einschränkung der Lebensqualität stimmten die Angaben bei 86,4 % der Paare überein. Sollte das gewünschte Maß an Lebensqualität nicht erreicht werden können, stimmten 78 Patienten (74,3 %) und 77 Angehörige (73,3 %) für die Beendigung der intensivmedizinischen Behandlung und den Beginn einer palliativen Therapie.
Es gab in beiden Kategorien Fälle von Übertherapie und zu wenig Therapie bezogen auf den Wunsch des Patienten. Das heißt, in manchen Fällen hätten Angehörige einer Behandlung zugestimmt, die der Patient nicht gewollt hätte und bei anderen Betroffenen hätten Angehörige gegen den Wunsch des Patienten die Therapie beenden lassen.
Bessere Kommunikation als Lösung
Die Studienautoren betonen, dass eine bessere Kommunikation zwischen Patienten und ihren Angehörigen nötig ist sowie eine gute ärztlichen Beratung von beiden Parteien. Dies sei vor allem auch deshalb wichtig, weil die Angehörigen besonders häufig mit ihrer Einschätzung falsch lagen, wenn der Wunsch des Patienten von den eigenen Vorstellungen abwich. Lag eine Patientenverfügung vor, hatte das keinen positiven Einfluss auf die Einschätzung der Angehörigen – möglicherweise, weil diese den Inhalt gar nicht kennen oder sich der Wunsch des Patienten seit Erstellung der Verfügung geändert hatte.
Es ist wichtig, dass die Angehörigen den tatsächlichen Willen der Patient:innen kennen. Um Missverständnisse zu vermeiden, empfehlen wir frühzeitige und intensive Gespräche zwischen Patient:innen und Angehörigen sowie eine vorsorgliche Information und Begleitung zum Beispiel durch Hausärzt:innen. So können wir das Risiko einer Über- oder Unterversorgung auf der Intensivstation reduzieren.
Quelle
Boenisch O, et al. Einwilligung zur Intensivtherapie: Übereinstimmung von Angehörigen- und Patientenmeinung – Eine Simulationsstudie. Dtsch Arztebl Int 2026; 123: 177-83; DOI: 10.3238/arztebl.m2025.0242
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