Verlust des Fingerabdrucks unter Krebstherapie

Nicht alle Menschen haben Fingerabdrücke: Genetische Störungen oder Erkrankungen können dazu führen, dass sich der Fingerabdruck verändert oder verloren geht. Nun gibt es überdies Hinweise, dass manche Krebstherapien zum Verlust des Fingerabdrucks führen können.

Ohne Fingerabdruck keine Einreise

Der Identitätsnachweis per Fingerabdruck hat sich mittlerweile in vielen Bereichen etabliert. Dazu zählen die Einreise in manche Länder, Bankgeschäfte oder das Ausstellen von Führerscheinen und Reisepässen. Auch im Gesundheitswesen wird der Fingerabdruck an manchen Stellen genutzt, beispielsweise zur Patientenidentifikation am Behandlungsort oder zur Zugangskontrolle zu bestimmten Bereichen im Krankenhaus.

Es gibt jedoch Menschen, denen die charakteristischen Rillen („Papillarleisten“) an Händen und Füßen fehlen und die dementsprechend keine Fingerabdrücke haben. Diese Adermatoglyphie kann angeboren oder erworben sein: Es kann eine seltene genetische Störung zugrunde liegen (isolierte kongenitale Adermatoglyphie). Der (vorübergehende) Verlust der Fingerabdrücke kann jedoch auch die Folge verschiedener Hauterkrankungen sein, beispielsweise einer Dermatitis oder Infektionen.

Zahlreiche Krebstherapien sind dafür bekannt, Nebenwirkungen an der Haut zu verursachen. Wenig untersucht ist allerdings bisher, ob dazu auch der Verlust des Fingerabdrucks zählt. Eine Forschungsgruppe nahm sich diesem Thema an und trug passende Publikationen zusammen.

Selten untersuchtes Phänomen

Nach umfassender Recherche blieben noch fünf Kohortenstudien und neun Fallberichte übrig, in denen Fingerabdruckveränderungen unter Krebstherapie untersucht wurden. In diesen zeigte sich ein Zusammenhang zwischen manchen Krebstherapien und Fingerabdruckveränderungen bei Patienten mit verschiedenen Krebsdiagnosen (hauptsächlich fortgeschrittenem Brust- und Dickdarmkrebs). Betroffene Wirkstoffgruppen waren Capecitabin, Taxane und Tyrosinkinase-Inhibitoren (TKI).

Kohortenstudien

In den eingeschlossenen Studien war die Veränderung des Fingerabdrucks ein primärer oder sekundärer Endpunkt. Es zeigten sich in einer Studie signifikant häufiger Fingerabdruckveränderungen unter Paclitaxel als in der Kontrollgruppe mit anderen Chemotherapieregimen. Gleiches galt für Capecitabin oder den TKI Sunitinib im Vergleich mit anderen Regimen.

Es konnte aber in keiner Studie ein signifikanter Zusammenhang zwischen den Veränderungen und der Arzneimitteldosierung bzw. der Zahl der Chemotherapie-Zyklen hergestellt werden. Auch das häufig unter Chemotherapie beobachtete Hand-Fuß-Syndrom war nicht signifikant mit den Veränderungen des Fingerabdrucks verknüpft.

Fallberichte

In den Fallberichten wurde die konkrete Auswirkung des verlorenen Fingerabdrucks dokumentiert. Patienten berichteten unter anderem vom fehlgeschlagenen Entsperren des Smartphones oder Laptops, einem wurde die Ausstellung eines Führerscheins wegen fehlender Fingerabdrücke verweigert, andere konnten keine Bankgeschäfte mehr abwickeln. Haustüren blieben verschlossen oder der Zugang zum Fitnessstudio war versperrt.

Bei einigen Fällen erschien ein bis zwei Monate nach Therapieende der Fingerabdruck wieder, andere konnten auch zwei Jahre nach Therapieende noch keine Besserung vermelden. Es lagen allerdings nicht für alle Patienten entsprechende Daten vor oder die Patienten starben kurz nach der Therapie.

Schwächen der Untersuchung

Insgesamt waren die einbezogenen Publikationen sehr heterogen und die Stichproben klein. Es kamen unterschiedliche Methoden zur Erfassung und Auswertung der Fingerabdruckveränderungen zum Einsatz. Es wurde von „Verlust“, „Veränderungen“ und „Qualitätsminderung“ der Fingerabdrücke berichtet, ohne dass diese Begriffe einheitlich verwendet oder klar definiert waren. Somit ist ein Vergleich der Ergebnisse schwierig. Weitere mögliche Störfaktoren wie Begleiterkrankungen, insbesondere der Haut, oder andere Therapien waren häufig nicht erfasst. Darüber hinaus liefern Fallberichte generell kein so hohes Maß an Evidenz wie randomisierte kontrollierte Studien und belegen keine Kausalität der Zusammenhänge.

Die Autoren resümieren, dass die hier untersuchten Publikationen zwar Fingerabdruckveränderungen als Folge mancher Krebstherapien zeigen, wegen der oben genannten Limitationen aber weitere umfangreiche und gut konzipierte Studien notwendig sind, um kausale Zusammenhänge zwischen den Veränderungen und den Therapien zu beweisen sowie herauszufinden, wie häufig das Problem auftritt.

Quelle

Belloni S, et al. Fingerprint change as a consequence of anticancer treatments: A systematic integrative review. Semin Oncol 2025;52(1):41–54. doi: 10.1016/j.seminoncol.2025.152335.

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