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Herzmedizin zwischen Präzisionsmedizin und Koalitionsvertrag

Vom 23. bis 26. April 2025 fand in Mannheim die 91. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie statt. Die Eröffnungspressekonferenz stand ganz unter dem diesjährigen Motto des Kongresses „Perspektiven der kardiovaskulären Präzisionsmedizin – von der Prävention zur Intervention“.

Risikofaktoren kennen

Noch immer stehen Herz-Kreislauf-Erkrankungen ganz vorne auf der Liste der häufigsten Todesursachen in Deutschland, auch wenn dies weiterhin von der Allgemeinbevölkerung nicht so wahrgenommen wird. Ob koronare Herzkrankheit (KHK), Vorhofflimmern oder Herzinsuffizienz: Je besser man die Ursachen für diese Erkrankungen versteht, desto eher lassen sich individuelle Therapien entwickeln, wie Prof. Dr. med. Ulf Landmesser, Berlin, ausführte.

Präzisionsmedizin meint […] das Verständnis der individuellen, einer Erkrankung zugrunde liegenden Ursachen, das zu einer für die jeweiligen Patientinnen und Patienten maßgeschneiderten Therapie führt.

Vor allem im Bereich der Bildgebung gebe es Fortschritte. Bei der Auswertung könne in Zukunft Künstliche Intelligenz durchaus hilfreich sein. Doch bei der Präzisionsmedizin gehe es nicht nur um Therapien, sondern auch um Prävention und das Herausfiltern von Risikofaktoren.

Ein gutes Beispiel sei Lipoprotein (a), das eine Rolle bei der Entwicklung der KHK spielt. Landmesser hofft, dass bald ursächliche Behandlungen zur Verfügung stehen. Doch das allein helfe nicht: Man müsse Biomarker wie Lipoprotein (a) auch beim Patienten bestimmen. Auf einen längeren Zeitraum betrachtet könne das kosteneffizient sein. Ein weiteres Beispiel sei LDL-Cholesterin: Eine offene Frage sei hier, welche Patienten von einer Senkung des LDL-Cholesterin-Spiegels profitieren.

Mit der Erkenntnis, dass Amyloidose eine der Ursachen für eine Herzinsuffizienz mit erhaltener Auswurffraktion ist, lassen sich neue Behandlungen entwickeln. So wurde kürzlich auf dem Kongress der Amerikanischen Kardiologischen Gesellschaft das CRISPR-Cas9 Gene Editing zur Behandlung der ATTR-Kardiomyopathie vorgestellt.

Kampagne „Herz ist Impf“ für mehr Awareness

Nicht immer ist „mehr tun“ mit hohen Kosten verbunden: Mit einer Ausweitung der Impfung gegen Influenza ließe sich die Sterblichkeit bei Herzpatienten einfach und kosteneffektiv senken. Prof. Dr. med. Holger Thiele, Leipzig, appellierte, Herzpatienten direkt im Krankenhaus zu impfen. Um die Awareness für Schutzimpfungen bei Herzpatienten zu erhöhen, wurde die Kampagne „Herz ist Impf“ ins Leben gerufen.

„Wir müssen etwas tun“

In Deutschland sei die Laien-Reanimationsquote verbesserungsbedürftig. Des Weiteren bemängelte Thiele Punkte wie intersektionale Vernetzung, das Generieren von Studiendaten und die Konzentration von komplexen Eingriffen an tertiären Zentren. Es gebe zudem Defizite beim Screening und in der Primär- sowie Sekundärprävention. Dabei sei ein Screening auf Dyslipidämie oder Bluthochdruck nicht nur viel effektiver als die typischen onkologischen Screenings, sondern auch deutlich kostengünstiger, betonte der Kardiologe.

Die Experten waren sich einig, dass es – trotz aller Präzisionsmedizin – weiterhin wichtig sei, Risikofaktoren wie Übergewicht oder Bluthochdruck zu minimieren. Hier müsse dringend mehr Aufmerksamkeit geschaffen werden. Deutschland sei in Bezug auf die Lebenserwartung mit 81,2 Jahren unter dem EU-Durchschnitt von 81,4 Jahren. In Westeuropa sei Deutschland sogar an unterster Stelle – und das, obwohl man EU-weit die höchsten kardiovaskulären Gesundheitskosten habe. In Bezug auf klassische kardiovaskuläre Risikofaktoren ­– Übergewicht, Diabetes, Hypertonie, LDL-Cholesterin-Spiegel und Rauchen – stehe Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ebenfalls nicht gut da. Dabei könne man viel tun: Selbst, wenn diese Risikofaktoren erst mit Anfang 50 wegfallen, ließen sich im Mittel fünf Lebensjahre gewinnen. Vor allem Diabetes und Rauchen haben hier einen großen Einfluss.

Wenn man alles umsetzen würde, was möglich wäre, könnte man sicher glücklich 100 werden.

Thiele hofft, dass nach dem Scheitern des „Gesundes-Herz-Gesetz“ im letzten Jahr nun auf europäischer Ebene Entscheidungen zur Stärkung der Herzgesundheit getroffen werden. Im aktuellen Koalitionsvertrag jedenfalls sei sie nicht ausreichend adressiert worden.

Quelle

Prof. Dr. med. Michael Böhm, Homburg, Prof. Dr. med. Ulf Landmesser, Berlin, Prof. Dr. med. Holger Thiele, hybride Eröffnungspressekonferenz der 91. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, 23. April 2025.

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