Mehr als fünf verordnete Arzneimittel sind bei älteren Menschen keine Seltenheit. Was denken die Patienten selbst über ihren Tablettenmix?
Viele Wirkstoffe mit vielen Wirkungen
Polypharmazie birgt bekanntermaßen Risiken. Als unangemessene Medikation gelten Arzneistoffe, die nicht indiziert sind, in zu hohen Dosen verwendet werden oder deren potenzieller Schaden den potenziellen Nutzen überwiegt. Vor allem mit zunehmendem Patientenalter häufen sich die Verordnungen. Forscher wollten wissen, was die Senioren davon halten und befragten in einer Studie in 14 Ländern 1340 Patienten ab 65 Jahre, die mehr als fünf Medikamente einnahmen.
44 % würden aktuell gern reduzieren
82 % der Befragten erklärten sich mit ihren Medikamenten zufrieden. Grundsätzlich befürworteten 81 % eine Reduzierung von verordneten Medikamenten: „Wenn mein Arzt sagt, dass es möglich ist, wäre ich bereit, eines oder mehrere meiner regulären Medikamente abzusetzen.“ Ganz konkret mit mindestens einem Arzneimittel weniger auszukommen als aktuell verschrieben, wünschten insgesamt 44 % der Befragten.
Auf Platz 1 der Wunsch-Streichergebnisse lagen Diuretika, diesen folgten lipidmodifizierende Mittel und Renin-Angiotensin-System-beeinflussende Substanzen – alles Herz-Kreislauf-Mittel. Als Gründe nannten die Patienten Nebenwirkungen (46 %), Ablehnung gegenüber der Medikation (24 %) und Unannehmlichkeiten bei der Einnahme (22 %). Aus Sicht der Autoren bestätigt sich die Erfahrung, dass in erster Linie Wirkstoffe wegfallen sollen, die für die Patienten keine unmittelbaren, „spürbaren“ Vorteile bringen. Medikamente, die langfristig oder eben durch nicht eintretende kardiovaskulärer Ereignisse wirken, sind nicht direkt als nützlich wahrnehmbar.
Genannte Gründe gegen Desprescribing waren die Überzeugung vom Nutzen der Medikation (58 %), die Annahme, Ärzte würden nur notwendige Medikamente verschreiben (50 %), und Gewohnheit durch einen längeren Einnahmezeitraum (41 %).
Unterschiede nach Nation und Versorgungssituation
Interessanterweise variierten die Antworten signifikant abhängig vom Land, in denen die Patienten lebten. So zeigten sich 79 % der Patienten in Polen an Deprescribing interessiert, gefolgt von Italien (75 %). In Bulgarien waren es nur 23 %, in Kroatien 24 %. Mögliche Erklärungen sehen die Studienautoren in einer unterschiedlichen Gesundheitskompetenz, der Einkommenssituation, verschiedenen Gesundheitssystemen und den erforderlichen Ausgaben seitens der Patienten für Medikamente. Länder mit höherem Einkommen verfügen demnach oft über eine höhere Gesundheitskompetenz, ein besseres Verständnis von Medikamenten und mehr Initiativen zur Optimierung von Medikamenten als Länder mit niedrigem Einkommen.
Insgesamt wollten Menschen, die zufrieden mit ihrer Medikation waren und großes Vertrauen zu ihrem Hausarzt bekundeten, seltener ihre Arzneimittel reduzieren. Dreh- und Angelpunkt beim Verschreiben wie auch beim Deprescribing scheint die Kommunikation und eine gute Arzt-Patienten-Beziehung zu sein. Es ist wichtig, den Nutzen und die Risiken jedes Arzneimittels zu erklären. Ärzte, die für ihre Patienten eine reduzierte Medikation als sinnvoll erachten, sollten demzufolge das Gespräch suchen. Auch patientenorientiertes Aufklärungsmaterial kann für eine gemeinsame, fundierte Entscheidungsfindung sinnvoll sein.
Quelle
Vidonscky Lüthold R, Jungo KT, Weir KR, et al. Older adults’ attitudes toward deprescribing in 14 countries. JAMA Netw Open 2025;8(2):e2457498. doi:10.1001/jamanetworkopen.2024.57498.
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