Sehen wir kranke Menschen, verändern sich unsere Verhaltensweisen, um eine Ansteckung zu vermeiden. Verantwortlich ist unser Verhaltensimmunsystem. Forscherinnen aus Hamburg untersuchten nun, welche Hirnregionen dabei aktiv werden.
Ekel schützt vor Infektionen
Dringen Krankheitserreger in unseren Körper ein, reagieren unser angeborenes und adaptives Immunsystem (PIS, physiological immune system). Seit einigen Jahren gibt es jedoch Hinweise darauf, dass unser Immunsystem bereits arbeitet, bevor wir mit einem Erreger in Kontakt kommen, beispielsweise wenn wir kranke Menschen ansehen. Durch das Verhaltensimmunsystem (BIS, behavioral immune system) verspüren wir beim Anblick erkrankter Menschen oft Ekel und Unwohlsein, wodurch die Ansteckungsgefahr verringert werden soll. Außerdem zeigte sich, dass durch das Ansehen von Kurzvideos niesender und hustender Menschen, die Konzentration sezernierten IgAs (sIgA) im Speichel anstieg, also ohne Erregerkontakt schon eine Immunantwort stattfand. Daraus ergibt sich die Theorie eines Zusammenspiels von PIS und BIS bzw. eines neuroimmunen Mechanismus zur Erregerabwehr.
Körpereigenes Frühwarnsystem
Um zu untersuchen, welche Hirnregionen an den neuroimmunen Reaktionen beteiligt sind, zeigten die Forscherinnen den Studienteilnehmern Videos erkrankter oder gesunder Menschen und maßen die Hirnaktivität mittels funktionalem MRT. Nach dem Anschauen der Videos gaben die Teilnehmenden an, wie hoch sie die Ansteckungsgefahr in der jeweiligen Situation einschätzten und wir groß der empfundene Ekel war.
Bei der Auswertung zeigte sich ein positiver Zusammenhang zwischen empfundener Ansteckungsgefahr, Ekel sowie sIgA-Konzentration im Speichel und der Aktivität des anterioren Insula-Bereichs. Ebenso zeigte sich eine Amygdala-Aktivierung durch alle Videos, in denen Menschen gezeigt wurden, unabhängig ob krank oder gesund.
- Anteriore Insula: maßgeblich für menschliches Bewusstsein, an einer Vielzahl von Verhaltensweisen und Bewusstseinszuständen beteiligt
- Amygdala: Teil des limbischen Systems, wichtig Gedächtnisprozesse und Emotionen
Aus den Beobachtungen schlossen die Forscherinnen, dass die Insula-Aktivierung zu zentralen und peripheren Immunreaktionen führt, während die Amygdala als „Alarmsystem“ für soziale Situationen mit erhöhtem Infektionsrisiko agiert.
Insgesamt kann die Neuroimmunreaktion als Schutzmechanismus gegenüber Infektionen betrachtet werden, indem einerseits die Ansteckungsgefahr durch Abstandhalten gegenüber kranken Menschen reduziert und andererseits den Körper auf den Erregerkontakt durch Sekretion von IgA in den Speichel vorbereitet wird.
Quelle
Keller JK, Diekhof EK. Visual cues of respiratory contagion: Their impact on neuroimmune activation and mucosal immune responses in humans. Brain Behav Immun published online January 25, 2025. doi:10.1016/j.bbi.2025.01.016
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