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Kommt unser Hirn mit Cannabis klar?

In einer Querschnittsstudie untersuchten Wissenschaftler mithilfe von funktioneller Kernspintomographie den Zusammenhang zwischen schwerem und gelegentlichem Cannabiskonsum und einer verminderten Aktivierung von verschiedenen Hirnfunktionen.

Im April 2024 trat die Cannabis-Legalisierung auch in Deutschland in Kraft. Über die Auswirkungen – insbesondere die Langzeitfolgen – kursieren jedoch verschiedene Meinungen in den Medien. Während manche den Konsum als harmlos erachten, gibt es dennoch Hinweise auf den Zusammenhang mit beispielweise einem erhöhtem Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, Sehstörungen oder einer verminderten kognitiven Leistungsfähigkeit in Form von Konzentrations- und Gedächtnisstörungen. Es wurden bereits mehrere bildgebende Studien durchgeführt, die sich mit den Auswirkungen von Cannabis auf das Gehirn beschäftigten.

In einer Querschnittsstudie aus den USA haben Forschende den Zusammenhang zwischen einem schweren lebenslangen Cannabiskonsum oder einem kürzlichen Cannabiskonsum mit der Hirnaktivierung bei sieben Hirnfunktionen untersucht.

Das Design der Querschnittsstudie

Insgesamt 1003 junge Erwachsene im Alter von 22 bis 36 Jahren nahmen an der Studie teil. Die Probanden wurden aus dem Human Connectome Project rekrutiert. Mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) wurden bei ihnen die der Gehirnfunktion und dem Verhalten zugrunde liegenden neuronalen Bahnen aufgezeichnet. Die Daten des fMRT zeigten die Hirnaktivierung bei Adressierung von sieben Funktionen (Arbeitsgedächtnis, Belohnungssystem, Emotion, Sprache, Motorik, logisches Denken und Theory of Mind).

Als Teilnehmer mit schwerem lebenslangem Cannabiskonsum (SLK) wurden diejenigen eingestuft, die schon mehr als 1000-mal Cannabis konsumiert hatten (88 Teilnehmer). Als moderater Konsum galt 10- bis 999-mal (179 Teilnehmer), und als Nichtkonsumenten galten Personen mit weniger als 10-maligem Cannabiskonsum (736 Teilnehmer). Ein kürzlicher Cannabiskonsum (KCK) wurde angenommen, wenn am Tag der MRT-Messung ein Multi-Drogen-Schnelltest im Urin positiv für Tetrahydrocannabinol ausfiel (106 Teilnehmer).

Welche Zusammenhänge lassen sich herleiten?

Teilnehmer der SLK-Gruppe zeigten eine signifikant verringerte Hirnaktivierung gegenüber Nichtkonsumenten, wenn sie die Aufgabe für das Arbeitsgedächtnis lösen sollten. Für die Teilnehmer der KCK-Gruppe zeigte sich eine verringerte Hirnaktivierung in Bezug auf das Arbeitsgedächtnis und die Motorik; diese Beobachtung verlor aber ihre Signifikanz bei statistischer Korrektur für die Mehrfachvergleiche. Für das Hirnaktivierungsmuster der anderen kognitiven Funktionen war kein Einfluss eines schweren lebenslangen oder eines kürzlichen Cannabiskonsums oder einer Cannabisabhängigkeit nachweisbar.

Zusammenhang ist nicht gleich Kausalität

Die Studienautoren sehen in den Ergebnissen einen Hinweis auf negative Auswirkungen im Zusammenhang mit SLK und dem Arbeitsgedächtnis bei jungen Erwachsenen, die möglicherweise von Dauer sind. Für sie liegt die Vermutung nahe, dass sich bei Menschen mit gelegentlichem Konsum eine Konsumabstinenz positiv auf die Hirnleistung auswirkt, wobei die dafür notwendige Dauer der Abstinenz nicht bekannt ist. Limitiert wird diese Querschnittsstudie durch das Fehlen einer Kontrollgruppe, weshalb es nicht möglich ist, anhand dieser Studie einen Kausalzusammenhang aufzustellen. Ebenso können die Ergebnisse wegen der ausgewählten Altersgruppe nicht auf die breite Bevölkerung übertragen werden. Die Autoren merken an, dass die Stichprobe aus der allgemeinen Gesellschaft stammt und so möglicherweise nur ein geringes Abhängigkeits-Level untersucht wurde.

Ein Zusammenhang ist erkennbar, eine große Verlaufsstudie ist aber Voraussetzung, um auch eine mögliche Kausalität von Cannabiskonsum und einer veränderten Hirnfunktion ableiten zu können. Forschungsbedarf sehen die Autoren auch in Bezug auf die Theory of Mind, weil sich hier vor den statistischen Korrekturen ein Einfluss sowohl des langfristigen als auch eines kürzlichen Cannabiskonsums abgezeichnet hatte.

Quelle

Gowin JL, et al. Brain function outcomes of recent and lifetime cannabis use. JAMA Netw Open 2025;8:e2457069. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2024.57069.

Bildquelle

Forschung_Seventyfour – adobe.stock.com