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Erbrechen nach Oralia: Zweite Dosis geben?

Eine Situation aus dem Leben: Ein Kind erbricht nach der Medikamentengabe. Und nun? Soll es eine neue Dosis bekommen oder nicht? Diese Frage wurde auf dem Kongress für Kinder- und Jugendmedizin 2024 diskutiert.
 

Neue Leitlinie aus Schweden

Erbrechen nach oraler Verabreichung von Medikamenten ist ein häufiges klinisches Problem bei Kindern. Trotzdem mangelt es in der Literatur an Informationen, wissenschaftliche Studien und formale Leitlinien fehlen. Traditionell wird die Entscheidung durch Abschätzen des Zeitintervalls zwischen Arzneimittelgabe und Erbrechen getroffen. Dabei ist die individuelle klinische Erfahrung ausschlaggebend.

 

Dr. Christiane Annette Garnemark, Stockholm, stellte in der Session „Arzneimitteltherapiesicherheit“ auf dem Kongress für Kinder- und Jugendmedizin 2024 in Mannheim eine Leitlinie aus dem Königin Silvia Kinderkrankenhaus, Göteborg, vor. Basis dieser Entscheidungshilfe ist eine Literaturrecherche zum Thema Erbrechen nach Medikamentengabe, die allerdings nur wenig verwertbares Material ergab. Daher wurden zusätzlich Ärzte aus verschiedenen Bereichen der Kinderklinik nach Medikamenten befragt, bei denen sich klinische Fragen wegen Erbrechen nach Verabreichung stellen. Dabei ergaben sich 45 relevante Arzneimittel.

 

Drei Aspekte zu beachten

Zwei Kinderärzte und zwei klinische Pharmakologen, die die Leitlinie entwickelten, identifizierten drei wichtige Aspekte hinsichtlich der Überlegung für eine erneute Arzneimittelverabreichung:
 

Der Patient: Situation, Alter und Gesundheitszustand

  • Warum erhält der Patient das Medikament?
  • Gibt es einen Grund für das Erbrechen?
  • Wie wichtig ist es für den Patienten, die aktuelle Dosis jetzt zu erhalten? Oder ist es möglich abzuwarten?

Das Arzneimittel: Wirkstoff, Darreichungsform und Pharmakokinetik

  • Wie schnell tritt die Wirkung des Arzneimittels ein?
  • Wie lange hält sie an?
  • Wie groß ist das Nutzen-Risiko-Verhältnis für den Patienten, wenn er eine doppelte/zu niedrige oder gar keine Dosis erhält?

Die Zeit zwischen Medikamentengabe und Erbrechen

  • Je mehr Zeit zwischen der Verabreichung des Arzneimittels und dem Erbrechen vergangen ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass das Arzneimittel absorbiert wurde.
  • Nur wenn das Medikament im Erbrochenen sichtbar ist, kann man sicher sein, dass der Patient das Arzneimittel erbrochen hat.
  • Magenentleerung und Absorption sind wichtige Aspekte bei der Beurteilung; viele Faktoren können beeinflussen.
Die Referentin nannte drei Beispiele für klinische Handlungsempfehlungen:
  unter 15 Minuten 15 bis 30 Minuten über 30 Minuten Kommentar
Antibiotikum (> 2-mal tägliche Gabe) Neue Dosis Neue Dosis Neue Dosis Orale Antibiotika sind in doppelter Dosis selten toxisch
Phenobarbital Neue Dosis Halbe Dosis Keine neue Dosis Risiko einer Atemdepression, bei akutem Bedarf und unklarer Dosierung – Therapeutisches Drug-Monitoring und eventuell nachfolgende intravenöse Gabe
Midazolam Neue Dosis Keine neue Dosis Keine neue Dosis Risiko einer Atemdepression, Abwarten der Wirkung, bevor neue Dosis verabreicht wird
 

Fazit der Autoren

Die oben genannten Aspekte sind eng miteinander verknüpft. Zusätzlich wurden für die klinisch identifizierten Substanzen Empfehlungen erarbeitet, die auf den allgemein üblichen Zeitspannen zwischen Einnahme und Erbrechen basieren (unter 15 Minuten, 15 bis 30 Minuten, über 30 Minuten). „Wir haben keine wissenschaftliche Grundlage für diese Zeitintervalle gefunden“, so Garnemark, „wir glauben aber, dass sie klinisch empirisch fundiert sind.“
 
Die erarbeitete Entscheidungshilfe wird seit drei Jahren im Königin Silvia Kinderkrankenhaus in Göteborg verwendet und wurde bei einer Revision um weitere Medikamente erweitert. Bei risikobehafteten Substanzen oder Darreichungsformen gibt es eine Warnung, zum Beispiel vor dem Risiko einer Sedierung oder Atemdepression bei Präparaten mit enger therapeutischer Breite. Eine Publikation ist in Vorbereitung und soll Ende 2024 erscheinen.
 

Quelle

Dr. Christiane Annette Garnemark, Stockholm. “Erbrechen nach oraler Medikamenteneinnahme – soll das Kind eine neue Dosis bekommen oder nicht?”. Kongress für Kinder- und Jugendmedizin, Mannheim, am 19. September 2024.