Eine Studie aus Frankreich zeigt den Anstieg schwerer Folgeerkrankungen durch den Freizeitkonsum von Lachgas. Vor allem junge Menschen sind betroffen. Mögliche Folgen des nichtbestimmungsgemäßen Konsums: Rückenmarks- und Nervenschäden. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) warnt vor den Folgen der Partydroge und fordert mehr Aufklärung bis hin zu Verkaufsverboten.
Konsumenten unterschätzen das Risiko der neuen Partydroge
Vor knapp 200 Jahren kam mit Lachgas (N2O, Distickstoffmonoxid) ein medizinischer Durchbruch: Erstmals konnte man schmerzfrei operieren. Mit der Weiterentwicklung der Narkotika spielt Lachgas als Inhalationsanästhetikum heute kaum noch eine Rolle. Eingesetzt wird es z.B. noch in der Zahnmedizin. Es kann schmerzfrei verabreicht werden, reduziert Anspannung, Angst und Schmerz, ist für längere Behandlungen geeignet und kann auch bei Kindern eingesetzt werden. Nach Beenden der Gabe ist die Wirkung nach wenigen Minuten vorbei und die Behandelten sind wieder verkehrstüchtig.
Als Partydroge wird Lachgas jedoch zunehmend zum Gesundheitsproblem. Da die Gaskartuschen bis zu -55° C kalt werden können, sind bei direkter Inhalation schwerste Verletzungen an Fingern oder Lippen möglich; der hohe Druck des sich ausdehnenden Gases kann zudem einen Pneumothorax hervorrufen.
Zunahme schwerer Folgeerkrankungen
In einer retrospektiven multizentrischen Kohortenstudie im Großraum Paris wurden nun schwere N2O-induzierte neurologische Erkrankungen von 2018 bis 2021 erfasst. Bis Ende 2019 wurden keine entsprechenden Fälle beobachtet. Die danach zunehmende Häufigkeit wurde ermittelt und mit der Frequenz vergleichbarer neurologischer Krankheiten anhand der Krankenversicherungsdaten von 91.000 Klinikpatienten verglichen. Von 181 Patienten hatten 25 % eine Schädigung des Rückenmarks (Myelopathie), 37 % eine periphere Neuropathie und 38 % eine Kombination beider Schäden.
Der durchschnittliche tägliche N2O-Verbrauch lag bei 1,2 kg; die mediane Dauer zwischen dem Beginn des N2O-Konsums und dem Auftreten der Symptome lag bei einem halben Jahr (2–12 Monate).
Bei 20- bis 25-Jährigen lag die Inzidenz im Jahr 2021
- bei 6,15/100.000 Personenjahre für eine N2O-Myelopathie und
- bei 7,48/100.000 Personenjahre für periphere N2O-Neuropathien.
Die Inzidenz war signifikant häufiger als
- nicht-N2O-assoziierte Myelitiden (Rückenmarksentzündungen): 0,35/100.000 Personenjahre sowie
- das Guillain-Barré-Syndrom (GBS): 2,47/100.000 Personenjahre.
In den sozial am stärksten benachteiligten Regionen waren die Inzidenzen zwei- bis dreimal höher als in den anderen Regionen.
DGN warnt vor neurologischen Folgen
Ursache für die neurologischen Folgen ist ein funktioneller Vitamin-B12-Mangel. Hierfür kann kein Schwellenwert angegeben werden. Demnach gibt es Fallberichte, bei denen nur vier inhalierte Luftballons nach sieben Wochen zu einem GBS-ähnlichen Krankheitsbild führten. Manche Menschen inhalieren durchaus 50 und mehr Ballons pro Party.
Besonders gefährdet sind der DGN zufolge Menschen, deren Vitamin-B12-Versorgung aus anderen Gründen bereits suboptimal ist, z. B. bei veganer oder vegetarischer Ernährung, bei Einnahme von Magensäureblockern, chronischen Magen-Darm-Entzündungen oder regelmäßigem Alkoholkonsum.
Prof. Dr. Gereon Fink, Köln, Vorstandsmitglied der Deutschen Hirnstiftung und ehemaliger Präsident der DGN, erklärte in einer Pressemitteilung:
Wir sehen in der Klinik immer mehr Menschen, die mit neurologischen Akut-, Subakut- oder Spätfolgen ärztlichen Rat suchen. Den Lachgaskonsum erwähnen sie in der Regel bei Erstvorstellung nicht, wohl auch, weil die meisten gar keinen Zusammenhang herstellen, erst recht, wenn es sich um Spätfolgen handelt.
Aber nicht nur die chronischen Folgen stellen laut DGN-Pressesprecher Prof. Dr. Peter Berlit, Berlin, ein Problem dar.
Sorge macht auch eine nicht zu vernachlässigende akute Gefahr – vor allem, wenn im Einzelfall zu viel Lachgas inhaliert wird.
Dazu zählen Übelkeit, Kopfschmerzen und Bewusstseinsstörungen sowie epileptische Anfälle, Schlaganfälle und hypoxische Hirnschäden bis zum Tod („versehentliches Ersticken“). Beschrieben werden auch Herzrhythmusstörungen, Blutdruckabfall und Atemprobleme.
Therapie mit hochdosiertem Vitamin B12
Die Therapie besteht in der Gabe von hochdosiertem Vitamin-B12 und ggf. anderer, im körpereigenen B12-Stoffwechsel involvierter Substanzen wie Methionin.
Die DGN befürwortet eine Kaufeinschränkung außerhalb medizinischer Indikationen. Noch sind Verkauf und Konsum von Lachgas in Deutschland nicht verboten. Eine Gesetzesänderung ist aber bereits in Arbeit.
Quellen
- Dawudi Y, et al. Marked increase in severe neurological disorders after nitrous oxide abuse: a retrospective study in the Greater Paris area. J Neurol 2024; 271:3340–6.
- Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) vom 3. Juli 2024 „DGN plant Erhebung zu neurologischen Schäden nach hohem Lachgas-Konsum“.
- Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) vom 22. März 2024 „Neurologische Komplikationen nach Lachgaskonsum“.
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