Die Klimabilanz spielt in immer mehr Bereichen eine Rolle, so auch in der Medizin und Pharmazie. Nun schlagen Wissenschaftler vor, Umwelteffekte von Interventionen als feststehende Endpunkte auch in klinischen Studien zu bewerten.
Nachhaltigkeit geht alle an
Dass sich etwas ändert, ist nicht zu übersehen: Global und in Deutschland sehen wir uns zunehmend mit extremen Wetterereignissen, unsicher werdender Wasser- und Lebensmittelversorgung sowie einem veränderten Risiko für Infektionskrankheiten konfrontiert. Alle Bereiche der Gesellschaft sind aufgefordert, Maßnahmen zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen durchzuführen.
Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen ist eine noch relativ neue Perspektive, es existieren bisher nur wenige Erkenntnisse über Umweltauswirkungen von Behandlungen und Dienstleistungen. Ein bereits recht präsenter Aspekt sind Umweltschäden durch Arzneimittelrückstände.
Idealerweise könnten ökologische Faktoren bereits sehr früh in die Beurteilung einfließen, meinen die Autoren eines aktuellen Positionspapiers. Beispielsweise im Rahmen klinischer Studien, denn diese gelten als Goldstandard für die Bewertung medizinischer Interventionen und besitzen großes Potenzial.
Umwelt bisher kein Thema
Zur Bewertung neuer Interventionen dienen in der Regel randomisierte kontrollierte Studien (RCT). Darin werden der klinische Nutzen und mögliche Schäden untersucht, doch Umwelteffekte sind so gut wie nie Gegenstand dieser Untersuchungen. Allenfalls nach der klinischen Umsetzung erfolgen derartige Analysen. Die Autoren der oben genannten Veröffentlichung möchten ein größeres Bewusstsein für den Ressourcenverbrauch und die Abfallerzeugung im Umfeld von Gesundheitsdiensten schaffen. Sie regen an, den CO2-Fußabdruck als Größe für das globale Erwärmungspotenzial einer Intervention direkt in RCT unter die Lupe zu nehmen.
Ihrer Ansicht nach ist die Infrastruktur klinischer Studien mit ihrem Fokus auf qualitativ hochwertige Datenerfassung auch für Analysen des CO2-Fußabdrucks bestens geeignet. Umweltaspekte könnten mit der gleichen Strenge und Kontrolle in Bezug auf Design und Durchführung wie bei der Bewertung klinischer Endpunkte analysiert werden. Insbesondere die umfassende Nachbeobachtung als Bestandteil der meisten RCT sei eine gute Ausgangslage für die Bewertung von weitreichenden Umwelteffekten nach Abschluss einer Intervention. Neben der CO2-Belastung sind Bewertungen der Land- und Wassernutzung, Versauerung, Verlust der biologischen Vielfalt und Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit interessant, wenn auch sicher schwieriger zu bewerten.
Neuer Endpunkt CO2-Bilanz
Ein bewährtes Tool zur Bewertung des CO2-Fußabdrucks sowie weiterer Umwelteffekte ist die Lebenszyklusanalyse von Produkten oder Prozessen. Sie berücksichtigt Daten angefangen bei der Rohstoffgewinnung über die Produktion und den Gebrauch bis zur Entsorgung beziehungsweise Wiederverwertung.
Die Autoren des Positionspapiers schlagen für klinische Studien konkret eine Umweltverträglichkeitsanalyse vor, mit dem CO2-Fußabdruck als sekundären Endpunkt. Ihre eigenen Erfahrungen zeigten: Die für die zusätzliche Öko-Bewertung benötigten Daten sind ebenfalls für die Patientenergebnisse und die gesundheitsökonomische Analyse relevant. Sie liegen also oft in den Studienprotokollen schon vor.
Ziel: Entscheidungen für das Klima
Umweltrelevante Daten aus RCT erreichten damit ein breites Publikum und könnten Regulierungsbehörden sowie politischen Entscheidungsträgern als Grundlage für Beschlüsse dienen. Studien könnten auf diese Weise Maßnahmen mit möglichst geringer Umweltbelastung vorantreiben. Prüfärzte, Behörden und Redakteure könnten mit entsprechenden Forderungen klimarelevante Bewertungen unterstützen. Denkbar aus Sicht der Autoren sind außerdem entsprechende Bedingungen im Rahmen von Finanzierungsanträgen und wissenschaftlichen Arbeiten.
Das Ziel lautet: Bei Alternativen mit ähnlichen klinischen Ergebnissen sind Interventionen mit der besseren CO2-Bilanz zu bevorzugen. Ein Beispiel ist der Vergleich der Anästhesiegase Sevofluran und Desfluran. Sie sind mehreren RCT zufolge bei den wichtigsten klinischen Endpunkten ähnlich wirksam, unterscheiden sich jedoch eklatant beim Treibhauspotenzial. Hier steht ein Wert von 1 kg Sevofluran, das der Emission von 130 kg Kohlendioxid entspricht, 2540 kg Kohlendioxid bei gleicher Menge Desfluran gegenüber. Desfluran verbleibt viel länger in der Atmosphäre, ist aber in vielen Ländern eines der am häufigsten verwendeten Anästhetika. Eine vorherige Bewertung der Umweltbilanzen als Endpunkt in den klinischen Prüfungen der beiden Anästhesiegase hätte möglicherweise das Inverkehrbringen oder zumindest die großflächige Nutzung zugunsten des Klimas eingeschränkt.
Noch ein weiter Weg
Eine Herausforderung bei diesem Vorhaben sind unterschiedliche Gesundheitssysteme, Energiequellen und Ausstattungen. Obwohl CO2-Analysen vermutlich nicht für alle Länder und Regionen verallgemeinert werden können, sind transparente Ökobilanzen eine Chance, verbesserungswürdige Situationen zu identifizieren und Sensitivitätsanalysen für verschiedene Szenarien durchzuführen.
Die Autoren sehen Transparenz als Basis für Verlässlichkeit und Vertrauenswürdigkeit der Analyse an. So sollten vordefinierte Inhalte für Klimaendpunkte in die Datenbanken der Studienregister aufgenommen werden, anstatt im Nachhinein „Greenwashing“ zu betreiben. Schließlich existieren von der Internationalen Organisation für Normung (ISO) bereits Standards für die Durchführung und Berichterstattung von Ökobilanzen in anderen Branchen.
Quelle
Nordberg LB, Pohl H, Haavardsholm EA, Lillegraven S, et al. Carbon-footprint analyses in RCTs — toward sustainable clinical practice. J New England Journal of Medicine 2024 ;390:2234–6. doi:10.1056/NEJMp2402018.
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