Ophthalmologie

Erhöhtes Keratitis-Risiko unter EGFR-Inhibitoren?

EGFR-Inhibitoren finden häufig Anwendung in der zielgerichteten Therapie von Lungenkrebs. In einer aktuellen Studie wurde ein positiver Zusammenhang zwischen einer Therapie mit dieser Substanzklasse und dem Neuauftreten einer Keratitis nachgewiesen.

Wirkung und Nebenwirkungen von EGFR-Inhibitoren

Der epidermale Wachstumsfaktorrezeptor (EGFR) ist in Krebszellen häufig überexprimiert oder durch Mutationen dauerhaft aktiviert, was die Proliferation von Tumorzellen begünstigt. Der Einsatz von EGFR-Inhibitoren (EGFRi) kann dem entgegenwirken, indem die niedermolekularen Wirkstoffe die Signalweiterleitung am Rezeptor verhindern. Dadurch wird eine zielgerichtete Therapie der Krebserkrankung möglich. Angefangen mit der Entwicklung von Gefitinib in den frühen 2000er-Jahren existieren mittlerweile drei Generationen von EGFRi, die vor allem in der Therapie von Lungenkrebs häufig zum Einsatz kommen.

Unerwünschte Ereignisse, die bei einer EGFRi-Therapie auftreten, sind häufig dermatologischer Art. Nicht selten ist auch das Auge von Nebenwirkungen betroffen. So kann eine EGFRi-Therapie beispielsweise trockene Augen oder eine Trichomegalie, ein vermehrtes Wachsen der Wimpern, bewirken. Im Rahmen einer aktuellen Kohortenstudie wurde die Häufigkeit neu auftretender Hornhautentzündungen unter EGFRi zur Therapie von Lungenkrebs untersucht.

Besonders hohes Risiko unter Afatinib

Die Studie schloss Daten von 1.388.108 Patienten mit Lungenkrebs zwischen Mai 2003 und Oktober 2023 ein. 22.225 der Patienten erhielten eine Therapie mit EGFRi (Gefitinib, Erlotinib, Afatinib oder Osimertinib).

Patienten unter EGFRi wiesen insgesamt ein höheres Risiko für eine Keratitis auf als Patienten der Vergleichsgruppe (Hazard-Ratio [HR] 1,520; 95%-Konfidenzintervall [KI] 1,339–1,725). Besonders erhöht war das Risiko unter Afatinib, einem EGFRi der zweiten Generation (HR 2,229; 95%-KI 1,480–3,356). Ein Grund für das erhöhte Risiko kann die unter EGFRi häufig auftretende Trichomegalie sein, welche das Verletzungsrisiko der Hornhaut erhöht. Zusätzlich sorgen EGFRi für die Hemmung der Proliferation und Migration limbaler und kornealer Stammzellen, was die Entstehung einer Keratitis begünstigen könnte, so die Studienautoren. Den Autoren zufolge kann aus der vorliegenden Studie jedoch keine Ursache-Wirkung-Beziehung geschlossen werden. Hierzu sind zukünftig klinische Studien notwendig.

Die Keratitis frühzeitig behandeln

Die Ergebnisse der Studie deuten auf ein erhöhtes Risiko für neu auftretende Hornhautentzündungen bei EGFRi-Therapie von Lungenkrebspatienten hin. Liegt eine Keratitis vor, sollte diese Patientengruppe frühzeitig diagnostiziert und behandelt werden. Eine rechtzeitige Behandlung kann neben Therapieunterbrechungen auch schwerwiegende Effekte der Keratitis, beispielsweise Einschränkungen der Sehfähigkeit, verhindern.

Quelle

Huang PC, et al. Epidermal growth factor receptor inhibitors for lung cancer and the risk of keratitis. JAMA Ophthalmol 2024;11:1–6.