Die penible Einhaltung einer Kühlkette für Insulin ist offenbar nicht zwingend notwendig. Laut eines Reviews wirkt es auch noch nach einer längeren Lagerung bei bis zu 37 °C.
Hersteller und Behörden wollen kontinuierliche Kühlung
Die Empfehlungen der Arzneimittelhersteller zu Verwendungsdauer und maximaler Lagertemperatur für Insulin in Fläschchen und Patronen variieren je nach Insulinart und -konzentration, Marke und Behälter. Von offizieller Seite der Gesundheitsbehörden existieren Leitlinien für den Transport vom Hersteller bis zur Abgabe an den Patienten. Auch die Anwender sollen diese Empfehlungen einhalten, Insulin vor Sonnenlicht schützen und ungeöffnete Insulindosen bei Temperaturen zwischen 2 °C und 8 °C lagern. Nach dem Öffnen heißt es, vertrage Insulin „Raumtemperatur“ und sei etwa vier bis sechs Wochen lang verwendbar.
Im Alltag treten jedoch Situationen auf, in denen eine ununterbrochene Kühlkette schwierig ist, beispielsweise in heißen Sommern, im Urlaub, unterwegs oder in der Schule und am Arbeitsplatz. Ganz abgesehen von Diabetespatienten, die von Naturkatastrophen, extremer Hitze oder gar kriegsähnlichen Zuständen betroffen sind.
Analyse zeigt größere Temperaturstabilität
Eine aktuelle Analyse sollte zeigen, welche Auswirkungen eine Lagerung oberhalb der vom Hersteller empfohlenen Temperatur und Verwendungsdauer auf Humaninsulin haben. Die Forscher fanden nur eine klinische Studie und wenige Laborstudien, die sich mit diesem Thema befasst haben. Der Cochrane-Review ergab eine vergleichbare Insulinwirkung bei Probanden, die im Kühlschrank gelagertes Insulin verwendeten und bei Personen, die Insulin anwendeten, das sechs Wochen lang in einem Tontopf bei Außentemperaturen zwischen 34 und 43 Grad gelagert wurde; im Topf herrschten 25 bis 27 Grad.
Auch mit Insulin gefüllte Spritzen, die im Labor bis zu vier Wochen Temperaturen zwischen 4 und 23 Grad ausgesetzt waren, zeigten keinen klinisch relevanten Verlust der Insulinaktivität. Analysen bei bis zu vier Monate lang zwischen 28,9 °C und 37 °C gelagerten ungeöffneten Fläschchen ergaben ähnliche Ergebnisse. Ebenso verhielt es sich mit geöffneten Ampullen und Patronen bei bis zu 37 °C über zwölf Wochen.
Zwei Laborstudien ahmten die Tages- und Nachtschwankungen in tropischen Ländern nach: Hier lagerte das Insulin bis zu zwölf Wochen lang bei wechselnden Temperaturen zwischen 25 °C und 37 °C – ebenfalls ohne Verlust der Insulinaktivität bei kurzwirksamen, intermediären und gemischten Insulinen. Ergänzend wurde in vier Laborstudien an teilweise geöffneten Fläschchen und vorgefüllten Spritzen die Sterilität untersucht: Es wurde auch keine bakterielle Kontamination beobachtet.
Ergänzende Herstellerdaten beschrieben eine nur geringe Abnahme der Insulinaktivität für ungeöffnete Humaninsulinfläschchen oder -patronen selbst bei Aufbewahrung bei bis zu 25 °C für maximal sechs Monate sowie bei bis zu 37 °C für maximal zwei Monate.
Vermutlich auch höhere Temperaturen nicht schädlich
Die Ergebnisse dürften besorgte Diabetiker beruhigen. Offenbar ist Insulin nicht so temperatursensibel wie gedacht. Die Studienautoren resümieren: Ist keine zuverlässige Kühlung möglich, funktionieren einfache Kühlvorrichtungen wie Tontöpfe.
Immerhin geben auch einige pharmazeutischen Unternehmen entsprechende Hinweise für schwierige Lebensbedingungen. Demnach seien ungeöffnete Insulinfläschchen und -kartuschen bis zu sechs Monate bei 25 °C und bis zu zwei Monate bei 37 °C lagerfähig, ohne dass es zu einem klinisch relevanten Verlust der Insulinwirkung kommt.
Quelle
Richter B, Bongaerts B, Metzendorf M-I. Thermal stability and storage of human insulin. Cochrane Database of Systematic Reviews 2023, Issue 11. Art. No.: CD015385. DOI: 10.1002/14651858.CD015385.pub2.