Neue Leitlinie „Demenzen“

Die S3-Leitlinie „Demenzen“ ist Ende November in der Version 4.0 veröffentlicht worden. Sie ist erstmals auch als App verfügbar und soll als „living guideline“ regelmäßig aktualisiert werden.

Mehr als 100 Empfehlungen zu Diagnostik und Behandlung von Demenzen

Die neue Leitlinie mit 109 Empfehlungen wurde unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V. (DGPPN) und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) erstellt. Mehr als 30 Fachgesellschaften, Berufsverbände und Organisationen wirkten daran mit. Zu sechs Forschungsfragen wurde das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) mit Evidenzrecherchen und -beurteilungen beauftragt. Prof. Dr. med. Frank Jessen, Köln, federführender Koautor als Vertreter der DGPPN, stellte die neue S3-Leitlinie bei verschiedenen Veranstaltungen im Rahmen des DGPPN-Kongresses 2023 vor.

So früh wie möglich diagnostizieren

Als wichtigste Neuerung bezeichnete Jessen die Möglichkeit, die Diagnose „Demenz“ bereits in einem frühen Stadium der Erkrankung zu vergeben. Bislang war Voraussetzung, dass die Betroffenen durch die kognitive Störung in ihrer Selbstständigkeit deutlich beeinträchtigt sind. Jetzt soll die Diagnose „Alzheimer-Krankheit“ auch ohne dieses Kriterium getroffen werden können, wenn – schon bei der Diagnose einer leichten kognitiven Störung – Biomarker für eine Alzheimer-Pathologie nachgewiesen werden können. Gemeint sind hier die Liquor-Biomarker Amyloid beta 42 (Aβ42), hyperphosphoryliertes Tau (pTau) und Gesamt-Tau sowie daraus abgeleitete Quotienten.

Ganzheitlich behandeln

Die Leitlinie gibt Empfehlungen zur antidementiven Behandlung, zur Prävention und Behandlung von psychischen und Verhaltenssymptomen (z.B. Depression, Agitation/Aggressivität, Apathie, Schlafstörungen) und für Interventionen, um die Belastung von Angehörigen zu verringern. Die Empfehlungen zur antidementiven Behandlung sind gegliedert in

  • psychosoziale, nicht pharmakologische Maßnahmen (z.B. kognitives Training, körperliches Training) und
  • antidementive Pharmakotherapie

Bei der Behandlung Depressionen und Agitation/Aggressivität im Rahmen einer Demenz stehen nicht-pharmakologische Maßnahmen im Vordergrund (z.B. Bewegungstherapie, kognitive Stimulation, Musiktherapie). Zur Behandlung von Depressionssymptomen bei leichter Demenz wird kognitive Verhaltenstherapie empfohlen. Zur medikamentösen Therapie von Depressionssymptomen bei allen Demenzformen werden Mirtazapin oder Sertralin vorgeschlagen, zur Behandlung von Agitation/Aggressivität bei den meisten Demenzformen Risperidon oder Haloperidol, jeweils in niedriger Dosis. Apathie verdient in Jessens Augen besondere Aufmerksamkeit, denn sie führt zu einer beschleunigten Verschlechterung der Demenzsymptomatik und ist für die Angehörigen belastend. Die Leitlinie schlägt einen Behandlungsversuch mit Methylphenidat (off-Label) vor.

Leitlinie jetzt auch als App verfügbar

Die S3-Leitlinie „Demenzen“ wurde wie üblich auf der Website der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) veröffentlicht. Erstmals steht sie zusätzlich als App zur Verfügung, und zwar auf der nichtkommerziellen Web-Plattform MAGICapp, die sich die internationale Veröffentlichung von medizinischen Leitlinien zum Ziel gesetzt hat. Der Name der Plattform ist ein Akronym, in dem „MAGIC“ für „Making GRADE the Irresistible Choice“ steht und „app“ auch für „Authoring & Publication Platform“. Bei der Erstellung der Leitlinie diente die App dazu, die Qualität der Evidenz aus den herangezogenen Studien zu bewerten; entsprechend dem GRADE(Grading of recommendations, assessment, development and evaluation)-Ansatz wird die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz dabei als hoch, moderat, niedrig oder sehr niedrig eingestuft.

In der App-Version der S3-Leitlinie kann von jeder Empfehlung aus direkt auf die Informationen zur Entscheidungsfindung und auf die dazugehörige Literatur zugegriffen werden, ohne in einer umfangreichen PDF hin- und herspringen zu müssen.

Die Leitlinie soll als „living guideline“ jährlich aktualisiert werden. Neue Erkenntnisse können somit schneller Eingang finden als bei den bisher üblichen fünfjährigen Laufzeiten von Leitlinien.

Quellen

Prof. Dr. Frank Jessen, Köln. DGPPN-Kongress 2023, Berlin; „Science Bites im Pressecafé“ (30.11.2023) und Vortrag „Angst und Depression bei Demenz: aktuelle Empfehlungen der S3-Leitlinie“ (01.12.2023).

DGN e. V. & DGPPN e. V. (Hrsg.). S3-Leitlinie Demenzen, Version XX, 8.11.2023, verfügbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/038-013 (Zugriff am 06.12.2023)