Nebenwirkungen bei Nierenpatienten oft vermeidbar

Unerwünschte Arzneimittelwirkungen sind bei Patienten mit chronischer Nierenerkrankung häufig. Das müsse jedoch nicht so sein, so das Ergebnis einer französischen Studie. Mögliche Stellschrauben sind eine regelmäßige eGFR-Kontrolle und Aufmerksamkeit bei der Arzneimittelverordnung.

Stichprobe zeigt Handlungsbedarf

Das Krankheitsbild der chronischen Nierenerkrankung (CKD) ist komplex, betroffene Patienten erhalten häufig verschiedene Arzneimittel. Zudem werden sie in vielen klinischen Studien ausgeschlossen, obwohl gerade sie aufgrund von höherem Alter und Polypharmazie sehr anfällig für unerwünschte Arzneimittelwirkungen sind. Denn im Vergleich zu Menschen mit normaler Nierenfunktion verändern sich bei ihnen die pharmakodynamischen und pharmakokinetischen Parameter vieler Medikamente.

Ist Polypharmazie bei CKD assoziiert mit schwerwiegenden unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW)? Die Autoren der prospektiven Kohortenstudie „Chronic Kidney Disease-Renal Epidemiology and Information Network (CKD-REIN)“ gingen dieser Frage auf den Grund und untersuchten außerdem den Zusammenhang zwischen der geschätzten glomerulären Filtrationsrate (eGFR) und dem Risiko für UAW.

Häufige Nierenschäden und Blutungen

Die untersuchte Stichprobe bestand aus 3033 ambulanten nephrologischen Patienten, Durchschnittsalter 69 Jahre, mit mittelschwerer bis fortgeschrittener CKD. Die Teilnehmer wiesen eine eGFR von <60 ml/min/1,73 m² auf und nahmen im Mittel acht verschiedene Arzneimittel ein.

UAW sind eine der Hauptursachen für Krankenhausaufenthalte bei CKD-Patienten.

Die Analyse ergab eine hohe Inzidenz von schwerwiegenden unerwünschten Arzneimittelwirkungen: Während der medianen Nachbeobachtungszeit von 4,7 Jahren traten 1672 UAW bei 973 Patienten auf; bei 360 Patienten und 488 Ereignissen handelte es sich um schwerwiegende UAW. In 70% der schwerwiegenden Ereignisse traten arzneimittelinduzierte akute Nieren- und Harnwegserkrankungen (n=170) sowie Blutungen (n=170) auf. Fast alle davon hatten eine Krankenhauseinweisung (n=467), in 11% der Fälle sogar Tod oder einen lebensbedrohlichen Zustand zur Folge.

eGFR und Wechselwirkungen ausschlaggebend

Eine geringere Nierenfunktion, definiert über den eGFR-Wert, stellte sich als Hauptrisikofaktor für unerwünschte Nebenwirkungen heraus. So war das Risiko einer akuten Nierenschädigung um 2,2% und für Blutungen um 8% höher je 1 ml/min/1,73m² erniedrigter eGFR. Die Inzidenzraten für schwere Nieren- und Harnwegserkrankungen sowie für Blutungen waren signifikant höher bei Patienten mit einer Ausgangs-eGFR <30 im Vergleich zu Patienten mit höheren eGFR-Werten.

Die häufigsten Medikamentenklassen, die UAW jedweder Art verursachten, waren Antithrombotika (18%) und Inhibitoren des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems (RAAS) (14%). Die meisten schwerwiegenden UAW waren additive, synergistische pharmakodynamische Wechselwirkungen.
Die relevantesten Wechselwirkungen in Bezug auf akute Nierenschäden entstanden bei gleichzeitiger Anwendung mehrerer Diuretika, bei der Kombination eines Diuretikums mit einem RAAS-Hemmer und bei der Kombination von nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) mit einem RAAS-Hemmer oder einem Diuretikum. Die schwerwiegendsten Wechselwirkungen in Bezug auf Blutungen riefen die gleichzeitige Anwendung zweier Antithrombotika (ein orales Antikoagulans plus Thrombozytenaggregationshemmer) und die Kombination eines oralen Antikoagulans mit einem selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) hervor.

Viele Schäden vermeidbar

Eine niedrige eGFR als wichtigster Risikofaktor für schwerwiegende UAW galt unabhängig von Alter und Polypharmazie. Daher befürworten die Studienautoren eine wiederholte Neubewertung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses von Antithrombotika und RAAS-Hemmern bei Patienten mit CKD auf der Grundlage von regelmäßigen Kontrollen der Nierenfunktion.

Laut Studienautoren wären viele der schwerwiegenden UAW außerdem durch eine größere Sorgfalt bei der Arzneimittelverschreibung vermeidbar. Vor allem Antithrombotika stellten sich als potenziell riskante Medikation heraus. Hier könne ein genauerer Blick auf Kontraindikationen und unangemessen hohe Dosierungen Schäden vermeiden. Zudem sollten Patienten dazu angehalten werden, Anzeichen und Symptome von UAW frühzeitig zu erkennen und zu melden.

Quelle

Laville SM, Gras-Champel V, Hamroun A, Moragny J, et al. on behalf of the CKD-REIN Study Group. Kidney function decline and serious adverse drug reactions in patients with CKD. Am J Kidney Dis 2023. doi: https://doi.org/10.1053/j.ajkd.2023.09.012.