Das Tourette-Syndrom ist eine Erkrankung, die durch verschiedene Tics geprägt ist. Ist eine Behandlung erforderlich, können neben verhaltenstherapeutischen Maßnahmen Medikamente eingesetzt werden. Auch ein neuer Wirkstoff wurde in einer aktuellen Studie getestet.
Welche Symptome sind charakteristisch – und welche nicht?
Das Tourette-Syndrom ist eine neuropsychiatrische Erkrankung. Die Tic-Störung ist durch motorische und vokale Tics gekennzeichnet. Diese können einfacher Natur sein (motorisch z. B. Augenblinzeln, Gesichtsgrimassen, Schulterziehen oder vokal z. B. schnüffeln, grunzen, pfeifen) oder auch eine komplexere Ausprägung haben (z. B. um die eigene Achse rotieren).
Zu den komplexen Tics gehören auch die häufig in FiImen oder Social Media präsentierte Koprolalie (ungewolltes Aussprechen aggressiver oder obszöner Worte) oder Kopropraxie (Zeigen unwillkürlicher, obszöner Gesten). Diese werden daher in der Öffentlichkeit oft als typische Symptome wahrgenommen, obwohl sie eher selten sind. So tritt Koprolalie nur bei etwa 15 bis 20% auf, Kopropraxie ist noch seltener zu beobachten. Etwas häufiger ist mit 30 bis 45% das zwanghafte Nachsprechen von Wörtern oder Sätzen (Echolalie). Die Inszenierung gerade dieser Tics auf Social Media wurde daher von Interessenverbänden und auch Medizinern mehrfach scharf kritisiert, da dies ein falsches Bild der Erkrankung vermittle und Stigmatisierung begünstige.
Tics treten typischerweise erstmals im Grundschulalter auf, manifestieren sich vor dem 18. Lebensjahr und können sich im Verlauf hinsichtlich ihrer Lokalisation, Schwere, Häufigkeit und Komplexität verändern. Häufige Begleiterkrankungen sind ADHS, Zwangsstörungen oder Depressionen.
Behandlung der Tics
Die Tics bedürfen nicht grundsätzlich einer Behandlung. Häufig sind sogar die Begleiterkrankungen stärker ausgeprägt und daher vorrangig für eine Beeinträchtigung der Lebensqualität verantwortlich. Je nach Ausprägung der Tics ist der psychische Leidensdruck der Betroffenen aber hoch und die Lebensqualität durch diese selbst eingeschränkt.
In der Leitlinie der European Society for the Study of Tourette Syndrome (ESSTS) wird als Therapie der 1. Wahl eine Verhaltenstherapie mit dem sogenannten Habit Reversal Training (Gewohnheitsumkehrtraining) empfohlen, alternativ atypische Antipsychotika wie Aripiprazol.
In Deutschland erfolgt der Einsatz von Aripiprazol in dieser Indikation off-Label. Zugelassen ist Haloperidol, wird aber nicht empfohlen.
Neuer Wirkstoff in der Pipeline
In einer aktuellen Phase-III-Studie wurde der selektive Dopamin-D1-Rezeptorantagonist Ecopipam (First-in-class) beim Tourette-Syndrom untersucht. Es nahmen Kinder und Erwachsene aus 12 Ländern, unter anderem auch aus Deutschland, teil.
Ecopipam wurde zuerst in einer 12-wöchigen offenen Phase allen 216 Teilnehmern verabreicht. Bei Ansprechen wurden diese Patienten (insgesamt 104) in der anschließenden verblindeten, kontrollierten Phase auf Ecopipam oder Placebo randomisiert.
Ecopipam reduzierte vor allem bei Kindern die Tics und das Rückfallrisiko nach erfolgter Behandlung bei gleichzeitig günstigem Nebenwirkungsprofil. So hatte es beispielsweise keine Gewichtszunahme, Veränderung von metabolischen Parametern oder arzneimittelinduzierten Bewegungstötungen zufolge. Die Studienautoren resümieren daher, dass Ecopipam sich als neue Therapieoption beim Tourette-Syndrom empfiehlt.
Aktuell ist der Wirkstoff jedoch noch nicht zugelassen. Die FDA hat den Zulassungantrag zur Prüfung angenommen, die Entscheidung wird für das erste Quartal 2027 angestrebt.
Quellen
Gilbert DL, et al. Efficacy and Safety of Ecopipam for Tourette Syndrome – A Phase 3 Randomized Clinical Trial. JAMA Neurol. Published online May 26, 2026. doi:10.1001/jamaneurol.2026.1431
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