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Das Märchen von der rettenden Mammographie

Überzeichnen vermeintlicher Erfolge, Herunterspielen potenzieller Schäden. Kurzum: systematische Fehlinformation. Warum das Mammographie-Screening nicht hält, was es verspricht, erläutert das Team der „Unstatistik des Monats“.

Studie und deren Interpretation sorgt für Wirbel

Die Interpretation einer Studie der Universität Münster zur Wirksamkeit des Mammographie-Screenings lässt die Autoren der „Unstatistik des Monats“ um Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Berlin, wieder einmal brodeln.

In Pressemeldungen der Universität, des Bundesamts für Strahlenschutz und des Bundesministeriums für Gesundheit ist eine beeindruckende Zahl genannt: „Unter den Frauen, die an dem Screening teilnahmen, gingen die Brustkrebs-Todesfälle demnach zwischen 20 und 30% zurück.“ BILD schrieb daraufhin: „Seit 20 Jahren rettet das Mammografie-Screening in Deutschland nachweislich Leben.“

Was zeigen wissenschaftliche Daten wirklich?

Die Realität sehe anders aus, heißt es vonseiten der Unstatistik-Autoren:

Seit Einführung des Mammographie-Screenings sind Frauen über Nutzen und Schaden systematisch in die Irre geführt worden – denn nicht zuletzt ist es eine milliardenschwere Einnahmequelle für Radiologen, Kliniken und Gerätehersteller.

Die 20 bis 30% seien das jüngste Beispiel. Bevor sie die Entstehung dieser Zahlen einordnen, werfen sie einen Blick in die, wie sie sagen, „besten wissenschaftlichen Studien“ – darunter acht randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt rund 500.000 Frauen:

    1. Lebenserwartung: Es gibt keinen Beleg dafür, dass Frauen, die am Screening teilnehmen, auch nur einen Tag länger leben als jene, die nicht teilnehmen.
    2. Krebssterblichkeit: Die Gesamtsterblichkeit an Krebs – einschließlich Brustkrebs – ist in beiden Gruppen gleich.
    3. Brustkrebssterblichkeit: Von jeweils 1000 Frauen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren sterben in einem Zeitraum von etwa elf Jahren rund fünf an Brustkrebs, wenn sie nicht am Screening teilnehmen. In der Screening-Gruppe sind es vier. Doch gleichzeitig stirbt dort eine Frau mehr an einem anderen Krebs – was erklärt, warum die Gesamt-Krebssterblichkeit unverändert bleibt.
    4. Risiken des Screenings (s. PDF): Neben einer (geringen) Strahlenbelastung gibt es zwei wesentliche Risiken:
      • Etwa jede zehnte gesunde Frau erhält ein falsch-positives Ergebnis, was unnötige Ängste, weitere Untersuchungen oder Biopsien nach sich zieht.
      • Einige Frauen erhalten eine Krebsdiagnose, obwohl sie eine sehr langsam oder nicht-fortschreitende Zellveränderung haben, die zu Lebzeiten nie Beschwerden verursacht hätte – und ihnen wird unnötigerweise Brustgewebe oder gar die vollständige Brust amputiert.

Die beiden entscheidenden Informationen – dass es keinen Nachweis gibt, dass das Mammographie-Screening die Lebenserwartung verlängert oder die Wahrscheinlichkeit senkt, an Krebs zu sterben – würden Frauen in Deutschland so gut wie nie mitgeteilt. Auch die Medienberichte zur aktuellen Münsteraner Studie klärten darüber nicht auf, monieren Gigerenzer und Kollegen.

Große Versprechen aus kleinen Unterschieden

Die Zahl aus der Studie sei keineswegs neu, ebenso wenig der statistische Trick, nur relative Risiken zu berichten.

Unterschlagen werde, dass sich die Sterblichkeit von 5 auf 4 pro 1000 Frauen reduziert – also um 1 pro 1000, was 0,1 Prozentpunkte entspricht:

Stattdessen präsentiert man diesen Effekt als relative Reduktion von 20% (von 5 auf 4), oft aufgerundet auf 30%. Diese Darstellungsweise überhöht den winzigen Effekt dramatisch.

Damit würden die präsentierten Zahlen einen klaren Verstoß gegen die seit Langem etablierten Standards der evidenzbasierten Gesundheitskommunikation darstellen.

Wie soll eine Entscheidung möglich sein, wenn Ergebnisse unvollständig und verzerrt dargestellt werden?

Die Autoren der Unstatistik appellieren an Frauen und Frauenorganisationen sowie an Leitmedien und Institutionen wie dem Gesundheitsministerium, sich „endlich klar auf die Seite der Wissenschaft [zu] stellen – und dafür [zu] sorgen, dass Frauen wirklich informiert entscheiden können.“

Unstatistik des Monats

Mit der Unstatistik des Monats hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat jüngst publizierte Zahlen und deren Interpretationen.

Quelle

Unstatistik des Monats vom 17. Juli 2025, „Relative Risiken, absolute Verwirrung: Warum das Mammographie-Screening nicht hält, was es verspricht“

Bildquelle

Kraft74 – stock.adobe.com