Das Darmmikrobiom ist nicht nur an der Verdauung beteiligt, sondern auch an zahlreichen weiteren Prozessen im Körper. Wie das die Behandlung verschiedener Erkrankungen voranbringen könnte, erklärte Prof. Dr. med. Reiner Jumpertz-von Schwartzenberg, Tübingen, bei einer gemeinsamen Pressekonferenz der Deutschen Diabetes Gesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie.
Riesiger Genpool mit Potenzial
Unter dem Darmmikrobiom verstehen Viele Bakterien, es zählen aber auch andere Lebensformen, beispielsweise Pilze, dazu. Es beeinflusst nicht nur die Verdauung, sondern auch den Hormonhaushalt, den Blutzuckerspiegel und die Verteilung von Körperfett.
Der Darm ist das am dichtesten besiedelte Habitat auf unserem Planeten.
Verschiedene Eigenschaften und Manipulationsmöglichkeiten des Darmmikrobioms bieten spannende Ansätze für neue Therapien.
„Hungry Microbiome“
Durch niedrigkalorische Nahrung verändert sich das Darmmikrobiom, was einen Einfluss auf die Nahrungsabsorption hat. Es kann unter anderem zu einem „Hungry Microbiome“ kommen, bei dem das Mikrobiom mit dem Wirt, also dem Menschen, in Konkurrenz um Nahrungsstoffe tritt. Dieser Effekt ließe sich möglicherweise für die Therapie von Adipositas und anderen metabolischen Störungen nutzen, wenn es gelingt, diese Effekte durch genetische Manipulation der Darmbakterien zu steigern.
Auch eine gezielte Antibiotikabehandlung kann eine Veränderung des Darmmikrobioms bewirken, die zu einer höheren Ausscheidung von Kalorien führt. Wird dieses veränderte Mikrobiom anderen Personen transplantiert, kann das zu einer Gewichtsabnahme führen, berichtete Jumpertz-von Schwartzenberg.
Einfluss auf den Blutzuckerspiegel
Es gibt unter anderem auch Bakterien, die SGLT-2-Transporter bilden, und wiederum andere Spezies, die Proteine bilden, die diese Transporter blockieren. Möglicherweise können sie den gleichen Effekt auf den menschlichen SGLT-2-Transporter ausüben und so eine Senkung des Blutzuckerspiegels bewirken.
Was ebenfalls bereits möglich, aber noch nicht therapeutisch nutzbar ist, ist Bakterien durch Plasmidtransfer zur Produktion bestimmter Hormone zu zwingen. Dabei werden Gene, die bestimmte Hormone codieren, in das Bakterium eingebracht, das anschließend das gewünschte Hormon – beispielsweise bereits gezeigt für GLP-1 – bildet. Auch dieser Ansatz könnte zukünftig für die Therapie verschiedener hormoneller Erkrankungen genutzt werden.
Quelle
Prof. Dr. med. Reiner Jumpertz-von Schwartzenberg, Tübingen. Das Mikrobiom als Hormonfabrik: wie Darmbakterien unseren Stoffwechsel steuern. Gemeinsame Pressekonferenz der Deutschen Diabetes Gesellschaft e. V. (DDG) und der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie e. V. (DGE), online am 09.07.2025.
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