Polioviren aus Schluckimpfstoffen wurden in Wasserproben einiger deutscher Städte nachgewiesen. Diese Funde unterstreichen die Wichtigkeit, Impflücken zu schließen.
Polio: Übertragung und Symptome
Das Poliovirus wird hauptsächlich fäkal-oral übertragen. Wegen der primären Virusvermehrung in den Rachenepithelien kann das Virus kurz nach Infektion auch aerogen übertragen werden. Schlechte hygienische Verhältnisse begünstigen die Ausbreitung von Poliovirus-Infektionen.
Klinische Symptomatik
Die meisten Infektionen mit dem Poliovirus verlaufen ohne Symptome. Bei 4 bis 8 % der Infizierten kann es zu einer sogenannten abortiven Poliomyelitis kommen. Symptome sind Magen-Darm-Beschwerden, Fieber, Übelkeit, Halsschmerzen, Myalgien und Kopfschmerzen.
Infiziert das Poliovirus jedoch Zellen des ZNS, kann es entweder zu einer nichtparalytischen (2–4%) oder zu einer paralytischen (0,1–1%) Poliomyelitis kommen. Bei der nichtparalytischen Form kommt es drei bis sieben Tage nach der abortiven Form zu Fieber, Nackensteifigkeit, Rückenschmerzen und Muskelspasmen. Bei der paralytischen Poliomyelitis entwickeln die Betroffenen neben schweren Rücken-, Nacken- und Muskelschmerzen motorische Paresen, die typischerweise asymmetrisch auftreten. Meist bilden sich die Lähmungen teilweise, aber nicht vollständig zurück. Beim Postpolio-Syndrom kann es Jahre oder Jahrzehnte nach der Erkrankung zur Zunahme der Paresen mit Muskelatrophie kommen.
Impfkampagne
1988 wurde die Globale Initiative zur Ausrottung der Poliomyelitis (GPEI) von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) initiiert. Das Ziel war eine Eradikation der Poliomyelitis bis zum Jahr 2000. Durch die Impfkampagnen konnte dieses Ziel mittlerweile in fast allen WHO-Regionen erreicht werden, die nun als offiziell frei von Polio-Wildviren (WPV) gelten; ausgenommen die WHO-Region Östliches Mittelmeer.
Ab 1998 wurde in Deutschland nicht mehr mit dem Polio-Lebendimpfstoff (OPV) geimpft. Pro Jahr kam es durch die Schluckimpfung mit abgeschwächten Viren zu ein bis zwei Fällen einer Vakzine-assoziierten paralytischen Poliomyelitis-Erkrankung (VAPP). Deshalb wird mittlerweile entsprechend der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) in Deutschland nur noch mit der inaktivierten Polio-Vakzine (IPV) geimpft.
Aufgrund der einfachen Anwendung und den geringen Kosten wird der orale Polioimpfstoff im Rahmen der Polio Global Eradication Initiative immer noch in Ländern angewendet, in denen die Erkrankung auftritt. Hier sind in der Regel vier Impfungen erforderlich.
Polioviren in deutschen Abwässern
Bereits Ende November hat das Robert Koch-Institut (RKI) über den Nachweis von Schluckimpfstoff-abgeleiteten Polioviren (circulating vaccine-derived poliovirus type 2, cVDPV2) in Abwasserproben aus vier deutschen Orten berichtet. Nun wurden auch in Klärwerken in Dresden, Düsseldorf und Mainz Abwasserproben positiv auf cVDPV2 (circulating vaccine-derived poliovirus type 2) getestet.
Woher kommen die Viren?
Die Viren könnten innerhalb Deutschlands zirkulieren oder aber auch von Menschen ausgeschieden werden, die sich nicht in Deutschland infiziert haben. Das Problem besteht jedoch darin, dass Personen, die ungeimpft sind, die Viren weitergeben können und vereinzelt auch an Poliomyelitis erkranken könnten.
Gesundheitliche Notlage mit internationaler Tragweite
Die WHO hat wegen der globalen Ausbreitung der Poliomyelitis bereits am 05.05.2014 eine gesundheitliche Notlage mit internationaler Tragweite (Public Health Emergency of International Concern, PHEIC) erklärt. Hinzu kommt, dass während der COVID-19-Pandemie fast alle Länder Störungen des Gesundheitswesens beobachten konnten. Sowohl Routine-Impfungen als auch die Überwachung der Infektionen waren massiv beeinträchtigt, sodass eine sinkende Immunität in der Bevölkerung sowie ein erhöhtes Risiko für eine massive Untererfassung der Übertragungen und eine Verlängerung des PHEIC-Status erwartet werden muss.
Aktuelle Maßnahmen
Insbesondere medizinisches Personal und Mitarbeitende im öffentlichen Gesundheitsdienst sollten deshalb nach aktuellen Empfehlungen des Robert Koch-Instituts (RKI) folgende Maßnahmen berücksichtigen:
- Schließen von Impflücken
- Erhöhte Wachsamkeit hinsichtlich Poliomyelitis-typischer Symptome
- Unverzügliche Meldepflicht bei Verdacht auf Poliomyelitis
- Nutzung der unentgeltlichen Enterovirusdiagnostik
- Gute Händehygiene
Quellen
Schluckimpfstoff-abgeleitete Polioviren in Abwasserproben an weiteren Orten in Deutschland nachgewiesen. Epidemiologisches Bulletin 2024;49:14.
RKI Ratgeber. Poliomyelitis.
Polio Global Eradication Initiative.
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