Seit Beginn der Corona-Impfkampagnen wird immer wieder über mögliche Impf-Nebenwirkungen diskutiert. Kürzlich wurde eine Studie veröffentlicht, in der das Risiko unerwünschter Wirkungen der Corona-Impfungen genauer untersucht wurde. Doch wie zuverlässig sind die Daten?
Signifikant häufigere Nebenwirkungen unter der Impfung?
Den Autoren der Studie zufolge war das Risiko für das Auftreten eines Guillain-Barré-Syndroms, disseminierter Enzephalomyelitis, Venensinusthrombosen und Herzmuskelentzündungen (Perikarditis, Myokarditis) signifikant erhöht. Die Experten der Reihe „Unstatistik des Monats“ zweifeln allerdings bei einem Teil der Ergebnisse die Signifikanz an.
In der Studie, die Mitte Februar 2024 im Fachjournal Vaccine erschien, ermittelten die Autoren im Rahmen einer Kohortenstudie mit fast 100 Millionen Personen das erwartete Risiko von 13 neurologischen, hämatologischen und kardialen Erkrankungen in der Zeit vor der Corona-Pandemie. Das verglichen sie mit dem nach den COVID-19-Impfkamgagnen beobachteten Aufkommen dieser Erkrankung und berechneten daraus das „OE-Verhältnis“ – die Relation zwischen beobachteten und erwarteten Werten. Bei ihren Berechnungen konzentrierten sich die Autoren auf die drei am häufigsten verabreichten Impfstoffe von Pfizer/BioNTech, Moderna und AstraZeneca.
OE-Werte > 1,5 wurden als Signal für mögliche unerwünschte Wirkungen der COVID-19-Impfstoffe gewertet. In zwölf der insgesamt 143 statistischen Tests, die die Autoren durchführten, waren die empirischen OE-Werte statistisch signifikant höher als 1,5.
Wurden Ergebnisse fälschlicherweise als signifikant deklariert?
Prof. Dr. Thomas K. Bauer und Sabine Weiler vom Unstatistik-Team haben die Studie genauer unter die Lupe genommen. Sie sind der Ansicht, dass hier ein in der Statistik seit Langem bekanntes Phänomen vorliege: Bei multiplen Tests werde eine Hypothese zu oft verworfen.
Bei ihren insgesamt 143 Tests verwenden die Autoren eine Irrtumswahrscheinlichkeit von fünf Prozent, d.h. sie irren sich nur in 5 % der Fälle, wenn sie behaupten, dass der wahre OE-Wert größer als 1,5 ist (und in Wahrheit kein Effekt vorliegt). Selbst wenn die Corona-Impfung keine Nebenwirkungen hätte, würde man also bei 143 Tests etwa 7 signifikante Testergebnisse erwarten, bei denen die Hypothese „OE-Wert ist kleiner als 1,5“ fälschlicherweise verworfen wird.
„Unerwünschte Nebenwirkungen sollten beobachtet und weiter untersucht werden“
Es gebe Korrekturmethoden, um das Problem der multiplen Tests in den Griff zu bekommen, heißt es weiter in der Pressemitteilung. Nähere man etwa die sogenannte Bonferroni-Adjustierung grob an die Ergebnisse der obigen Studie an, so verblieben noch acht Tests, bei denen der beobachtete QE-Wert signifikant größer als 1,5 sei. Welche Tests das sind, ist der Pressemitteilung jedoch nicht zu entnehmen.
Häufig sind statistisch signifikante Ergebnisse alles andere als sachlich signifikant, insbesondere wenn sehr viele Tests durchgeführt werden. Im Falle der Studie zu den Nebenwirkungen der Corona-Impfung ergeben sich jedoch auch unter Berücksichtigung der Problematik der Mehrfachversuche einige unerwünschte Nebenwirkungen, die beobachtet und weiter untersucht werden sollten.
Insgesamt traten die Nebenwirkungen nur bei einem Bruchteil der Corona-Impfungen auf. Des Weiteren müsse man die (weitaus schwerwiegenderen) gesundheitlichen Folgen einer Corona-Infektion den gesundheitlichen Risiken der Nebenwirkungen der Impfungen gegenüberstellen.
Unstatistik des Monats
Mit der Unstatistik des Monats hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat jüngst publizierte Zahlen und deren Interpretationen.
Quelle
Unstatistik des Monats vom 28. Februar 2024, https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/statistisches-phaenomen-signifikante-nebenwirkungen-von-corona-impfungen-wohl-seltener-als-in-studie-ermittelt