Wenn der Kopf schmerzt

Am 5. Juni ist der bundesweite Aktionstag gegen den Schmerz. An diesem Tag findet auch das nächste MMP-Webinar zum Thema akute und chronische Kopfschmerzen statt. Referent ist Priv.-Doz. Dr. Charly Gaul von der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein. Wir haben Herrn Dr. Gaul im Vorfeld gefragt, was sich in der neuen Migräneleitlinie geändert hat und wie Apotheker zu einer besseren Versorgung von Migränepatienten beitragen können.

 

Dr. Charly Gaul
Foto: PZ_Alois Müller

Wann können Kopfschmerzen ohne Weiteres in der Selbstmedikation behandelt werden?

Wenn ein Patient seine Kopfschmerzen kennt und üblicherweise mit Selbstmedikation gut zurechtkommt, über die korrekte Dosierung und den richtigen Einnahmezeitpunkt informiert ist, können gelegentlich auftretende Kopfschmerzen problemlos behandelt werden.

In welchen Fällen sollte der Apotheker den Patienten zum Arzt schicken?

Treten Kopfschmerzen erstmalig auf oder haben sich in ihrem Charakter und ihrer Stärke erheblich verändert, ist eine ärztliche Diagnostik sinnvoll. Insbesondere wenn es zu Begleitsymptomen wie Fieber oder neurologischen Ausfallsymptomen kommt, ist dies durch eine primäre Kopfschmerzerkrankung in der Regel nicht zu erklären. Hier sollte eine konsequente Diagnostik erfolgen.

Am 26. April wurde die neue Leitlinie Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne veröffentlicht. Was hat sich geändert?

Die vorherige Leitlinie war aus dem Jahr 2012. Seitdem sind eine Reihe von klinischen Studien erschienen, die insbesondere die Wirksamkeit nichtmedikamentöser Verfahren wie Ausdauersport, Entspannungsverfahren und Psychoedukation belegt haben. Diese Verfahren wurden in der Vergangenheit immer empfohlen, es musste jedoch einschränkend festgehalten werden, dass die Datenlage deutlich schwächer ist als die zur medikamentösen Therapie. Mittlerweile kann man aufgrund der publizierten klinischen Studien nichtmedikamentöse Therapieverfahren als echte, wirksame Therapiealternative und -ergänzung zur medikamentösen Behandlung empfehlen. Es konnte gezeigt werden, dass die Versorgung mit Migräneprophylaktika in Deutschland weiter unzureichend ist, hier gibt die Leitlinie nochmals klare Empfehlungen. Die neue Leitlinie ist erheblich umfangreicher als die vorausgehende und bietet dem, der wissenschaftliche Literatur sucht, nun einen ganz aktuellen Überblick.

Welche Änderungen sind für die Beratung in der Apotheke besonders relevant?

Gegenüber der Migräneprophylaxe bestehen bei vielen Betroffenen Vorbehalte und Ängste. Apotheker können diese in einer gezielten Beratung abbauen und auch nochmals Fragen zu Interaktion mit anderer Medikation beantworten, die selbstverständlich auch vom verordneten Arzt bereits berücksichtigt werden sollten. Die Daten zur Sicherheit der Anwendung von Triptanen sind mittlerweile so umfangreich, dass einige Vorbehalte, die zum Zeitpunkt der Zulassung vor mehr als 20 Jahren bestanden, nun wirklich als überholt angesehen werden können.

Als Pressesprecher der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) bemängeln Sie, dass die Therapiemöglichkeiten bei der Migräneprophylaxe derzeit kaum ausgeschöpft werden. In welcher Form könnten Apotheker hier zu einer besseren Versorgung beitragen?

Migräneprophylaktika wurden ursprünglich für andere Indikationen entwickelt (Betablocker, trizyklische Antidepressiva, Antihypertensiva, Antikonvulsiva). Für Patienten ist dies zunächst verwirrend und stärkt Vorbehalte und Bedenken gegenüber der Einnahme einer Migräneprophylaxe. Apotheker könnten erläutern, dass die Medikamente zum Teil seit Jahrzehnten in der Migräneprophylaxe erfolgreich eingesetzt werden. Wichtig ist es auch, darauf hinzuweisen, dass es sich nicht um eine lebenslange Behandlung handelt, sondern dass nur in einer Phase sehr häufiger Migräneattacken mit medikamentöser Unterstützung die Attackenfrequenz gesenkt werden soll. Zeitgleich sollen nichtmedikamentöse Verfahren intensiv eingesetzt werden, damit im weiteren Verlauf auch wieder auf die medikamentöse Migräneprophylaxe verzichtet werden kann.

Am 5. Juni findet das MMP-Webinar zum Thema Kopfschmerzen statt. Das ist auch der bundesweite Aktionstag gegen den Schmerz. Hier bieten viele Schmerzkliniken einen Tag der offenen Tür an. In welcher Form können sich Apotheken an diesem Aktionstag beteiligten?

Die Deutsche Schmerzgesellschaft und die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft haben gemeinsam in einem Team aus Ärzten und Psychologen einen Informationsflyer für Kopfschmerzpatienten entwickelt. Dieser enthält viele grundsätzliche Informationen und kann in der Kommunikation mit Patienten eingesetzt werden. Der Flyer kann kostenlos heruntergeladen werden, die Bestellung größerer Auflagen ist möglich. Apotheken können darauf hinweisen, dass sie sich gezielt um die Behandlung und die Betreuung von Kopfschmerzpatienten bemühen und an Fortbildungen teilnehmen. Sicherlich sinnvoll sind auch lokale Aktivitäten vor Ort in Zusammenarbeit mit einer schmerztherapeutischen oder neurologischen Praxis sowie einer Schmerzklinik, die sich am Aktionstag beteiligen.

Wo sehen Sie Ansatzpunkte für eine interprofessionelle Betreuung von Kopfschmerzpatienten durch Ärzte und Apotheker?

Aus der täglichen Erfahrung kann ich berichten, dass Edukation aller Beteiligten und die Vertretung eines gemeinsamen Behandlungskonzepts ohne Widersprüche in den inhaltlichen Aussagen gegenüber den Patienten am wichtigsten sind. Schon scheinbar beiläufige Bemerkungen zur Medikation („Da wurde Ihnen aber ein Hammer verordnet“) können zur erheblichen Verunsicherung führen mit der Folge, dass Patienten eigenständig Dosierungen oder den Einsatz einer Medikation verändern. Problematisch ist die geringe Therapietreue (Adhärenz und Compliance) bei der Einnahme von Medikamenten insgesamt. Ich würde mir wünschen, dass nicht primär über Nebenwirkungen oder die Angst vor Nebenwirkungen gesprochen würde, sondern tatsächlich über die Chancen einer gut wirksamen Akuttherapie oder Prophylaxe von Kopfschmerzen.

Was möchten Sie den Teilnehmen des Webinars mit auf den Weg geben?

Kopfschmerzbehandlung kann mit den zur Verfügung stehenden Medikamenten und nichtmedikamentösen Verfahren individuell und erfolgreich durchgeführt werden. Im Laufe des Jahres werden die neuen CGRP-Antagonisten zugelassen. Die Chance, die Versorgung für die Patienten insgesamt zu verbessern, sollte unbedingt ergriffen werden.

Herr Dr. Gaul, wir danken Ihnen für dieses Interview.


Sie möchten am MMP-Webinar teilnehmen?

Das Webinar findet am Dienstag, 5. Juni 2018, von 20 bis 21 Uhr statt und ist mit einem Fortbildungspunkt akkreditiert.

Anmelden können Sie sich kostenlos hier.

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