Bei etwa 10 % der Bevölkerung tragen schmerz- und angstbezogene Sorgen zu zögerlichem Impfverhalten oder zur Ablehnung von Schutzimpfungen bei. Das aktuelle Leitlinien-Update der Canadian Medical Association bietet mit dem 5P-Konzept (Prozess, Prozedere, Physisch, Pharmakologisch, Psychologisch) evidenzbasierte, praktische Empfehlungen, um Schmerz und Angst beim Impfen wirksam zu begegnen.
Prozess
Eine starke Empfehlung spricht die Leitlinie für die strukturierte Aufklärung aller beteiligten Personen aus. Zudem sollten Multikomponenten-Interventionen, insbesondere das CARD-System (Comfort, Ask, Relax, Distract), in den Prozess integriert werden.
Prozedere/Injektionstechnik
Der Impfstoff sollte zügig und ohne vorherige Aspiration (Zurückziehen des Kolbens) injiziert werden. Daraus ergeben sich kürzere Injektionszeiten und weniger Gewebeverletzungen. Bei mehreren Impfungen hintereinander sollte die am wenigsten schmerzhafte Impfung zuerst und die schmerzhafteste zuletzt verimpft werden. Impfungen, die als besonders schmerzhaft gelten, sind MMR II®, Prevenar® und Gardasil®.
Um zusätzliche Angstreize zu minimieren, kann es sinnvoll sein, Nadeln und Injektionsbesteck nicht im Blickfeld des Patienten zu lagern. Auf die Desinfektion der Injektionsstelle mit alkoholhaltigen Hautdesinfektionsmitteln sollte verzichtet werden, da es keinen belegbaren Nutzen zur Infektionsprävention gibt und der Vorgang ein Angstauslöser sein kann. Laut Empfehlungen des Robert Koch-Instituts oder der Leitlinie der Bundesapothekerkammer ist die Hautdesinfektion vor der Injektion aber weiterhin empfohlen.
Physische Maßnahmen
Orale Maßnahmen für Säuglinge (0–12 Monate): Die Leitlinie empfiehlt, das Stillen, die Flaschenfütterung oder einen Schnuller anzubieten. Alternativ können ein bis zwei Minuten vor der Impfung süß schmeckende Flüssigkeiten (z. B. Glukose- oder Saccharose-Lösungen) oder auch die Rotavirus-Schluckimpfung verabreicht werden. Wichtig ist, dass die Bezugsperson eine für sie und das Kind passende Maßnahme auswählt.
Lokale Maßnahmen an der Injektionsstelle: Um Schmerzen an der Einstichstelle zu reduzieren, wird für Säuglinge (0–12 Monate) manuelles, rhythmisches Klopfen nahe der Injektionsstelle (Helfer Skin Tap Technique) empfohlen. Für Kinder (> 12 Monate) und Erwachsene kann diese Methode ebenfalls erwogen werden. Zusätzlich kann dieser Altersgruppe die Anwendung von Kälte, Vibration oder Druck an der Injektionsstelle angeboten werden. Für Säuglinge werden diese Maßnahmen nicht empfohlen. Das Reiben nahe der Injektionsstelle wird für keine Altersgruppe empfohlen.
Pharmakologische Maßnahmen
Topische Anästhetika in Form von Cremes, Gelen oder Pflastern mit Lidocain, Prilocain oder Tetracain werden für Kinder aller Altersgruppen und Erwachsene empfohlen. Für eine ausreichende Wirksamkeit müssen die Einwirkzeiten beachtet und die Präparate rechtzeitig aufgetragen werden. Orale Analgetika werden nicht empfohlen, da sie den Einstichschmerz kaum lindern und die Wirksamkeit mancher Impfstoffe beeinträchtigen können.
Psychologische Maßnahmen
Säuglinge (0–12 Monate): Zur Ablenkung kann es sinnvoll sein, Spielzeug oder Singen in Kombination mit Nähe zur Bezugsperson und beruhigendem Verhalten anzubieten. Von Geräuschen und Musik aus Lautsprechern sowie Filmen oder Videos wird abgeraten.
Kinder (> 12 Monate) und Erwachsene: Eine starke Empfehlung gibt es für Musik über Kopfhörer oder Lautsprecher. Alternativ können digitale Aktivitäten und Spiele, Virtual Reality, Atemübungen mit Spielzeug (z. B. Seifenblasen, Windrad), nicht-digitale spielerische Aktivitäten (z. B. Malen) oder Videos und Filme zur Ablenkung angeboten werden. Einfache Ateminterventionen (z. B. einmal tief ein- und ausatmen, Husten) und positives Umdeuten vergangener Erinnerungen (Memory-Reframing) empfiehlt die Leitlinie aufgrund mangelnder Wirksamkeit nicht.
Das Problem anerkennen
Schmerz und Angst sind vorhersehbare und behandelbare Belastungen bei Impfungen. Die evidenzbasierten Empfehlungen der Leitlinie helfen, den Prozess für alle Beteiligten angenehmer zu gestalten. Entscheidend ist, wirksame Maßnahmen anzubieten und individuelle Präferenzen zu berücksichtigen.
Quelle
Taddio A, Shah V, McMurtry M et al. Reducing distress during vaccine injections: 2026 clinical practice guideline update. CMAJ 2026 September 21;198:E1243-63. doi:10.1503/cmaj.260123
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