Leitlinie zeigt den Weg bei cannabisbezogenen Störungen

Was ist zu tun, wenn der Cannabiskonsum zum Problem wird? Das fassen nun erstmals definierte, evidenzbasierte Empfehlungen für Diagnostik, Therapie und Versorgung zusammen.

Erstmals definierte Empfehlungen

Regelmäßiger und übermäßiger Cannabiskonsum ist mit erheblichen gesundheitlichen Risiken verbunden. Als sogenannte cannabisbezogene Störungen gelten Missbrauch, Abhängigkeit und Entzugssyndrome.

Cannabis ist nach Alkohol und Tabak die weltweit am häufigsten konsumierte psychoaktive Substanz. Im letzten Jahrzehnt hat der Konsum in der erwachsenen Bevölkerung global zugenommen. Auch die Behandlungsnachfrage aufgrund von cannabisbezogenen Störungen ist angestiegen.

Praxisnahe Handlungsempfehlungen für alle eingebundenen Berufsgruppen in der Behandlung von Patienten mit cannabisbezogenen Störungen soll die im Dezember 2025 veröffentlichte S3-Leitlinie (pdf)„Behandlung cannabisbezogener Störungen“ geben. Sie beinhaltet Ansätze zur Risikoeinschätzung, individualisierten Versorgung und Entstigmatisierung sowie klar definierte Empfehlungen für standardisierte psychotherapeutische Verfahren und fasst die Studienlage zu verschiedenen Arzneistoffen zusammen.

Ausstieg erleichtern und individuell behandeln

Den Konsum senken sollen motivierende Interventionen und kognitive Verhaltenstherapie, ergänzt durch abstinenzorientiertes Kontingenzmanagement. Zusätzlich sprechen sich die Fachgesellschaften bei Jugendlichen für familienorientierte Therapien, soziale und lebensweltbezogene Interventionen sowie digitale Beratungs- und Therapieangebote aus.

Explizite Empfehlungen für den Umgang mit komorbiden psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Psychosen sind ebenfalls Bestandteil der neuen Leitlinie. Ein Kapitel widmet sich dem schwerwiegenden Cannabis-Hyperemesis-Syndrom (CHS) als physische Folge des Missbrauchs: Durch die chronische Cannabis-Intoxikation entstehen wiederkehrende Episoden von schwerer Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen.

Pharmakotherapie nur off Label

Es gibt weltweit immer noch keine Medikamente, die für die Behandlung von cannabisbezogenen Störungen zugelassen sind. (Prof. Dr. Ursula Havemann-Reinecke, DGPPN)

Eine Pharmakotherapie cannabisbezogener Störungen kann insbesondere bei Kindern und Jugendlichen nur off Label unter sorgfältiger Abwägung von Nutzen und Risiken mit Hilfe der Fachinformationen im Sinne eines Heilversuches erfolgen. Geeignete Medikationen sind symptomorientiert, etwa zur Behandlung von Entzugssymptomen. Studienergebnisse zu einzelnen Wirkstoffgruppen sind im Einzelnen aufgeführt und bilden die Grundlage für die Leitlinienempfehlungen.

In vielen Fällen verhindern eine limitierte Evidenzgrundlage und fehlende Wirksamkeitsnachweise eine Empfehlung, so etwa bei den Antidepressiva – konkret von SSRI, Bupropion, Nefazodon und Buspiron. Ähnliches gilt für Benzodiazepine, N-Acetylcystein, Oxytocin und Vareniclin. Auch THC-haltige Cannabinoidprӓparationen und Cannabidiol (CBD) sind nicht zur Rückfallprävention und Abstinenzerhaltung geeignet. Zu Nikotinpflastern, Galantamin, Baclofen, Pregnenolon und Aprepitant existieren nur vereinzelte Studien, die nicht für eine Bewertung ausreichen.

Welche Substanzen können eingesetzt werden?

Die Liste der positiv beurteilten Wirkstoffe ist kurz. Als einzige Option bei der Betrachtung von Antikonvulsiva (u.a. Natriumvalproat, Topiramat) und Lithiumcarbonat kann bei ausgeprägten Entzugssymptomen befristet Gabapentin unter Risiko-Nutzen-Abwägung angeboten werden. Zusätzlich gibt es eine Empfehlung für sedierende niedrig- und mittelpotente Antipsychotika der ersten Generation wie Chlorprothixen, Promethazin und Melperon für die symptomorientierte Behandlung des ausgeprägten Cannabisentzugssyndroms bei Kindern und Jugendlichen.

Quellen

Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie e. V. (DG-Sucht), Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e. V. (DGKJP) & Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN). (2025). S3-Leitlinie Behandlung cannabisbezogener Störungen. Version 2.0. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/076-005 (Zugriff am 15.01.2026).

Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN). Neue S3-Leitlinie: Evidenzbasierte Hilfe bei cannabisbezogenen Störungen. Pressemitteilung vom 10.12.2025.

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