Selbstmedikation mit pflanzlichen Präparaten ist offenbar bei Rheuma keine Hilfe. Eine Expertenkommission untersuchte verschiedene Substanzen und bescheinigte keiner einen echten Nutzen.
Prüfung geläufiger Substanzen
Wie viele Patienten ihre Hoffnungen in pflanzliche Präparate setzen, zeigen die Zahlen: 1,4 Milliarden Euro Umsatz brachten diese in Deutschland im Jahr 2020, davon 92 % für die Selbstmedikation. In Europa ist Deutschland einer der größten Märkte für diese Produkte. Ob deren Einsatz bei Rheuma nicht nur den Herstellern, sondern auch den Betroffenen etwas bringt, untersuchte die Kommission für Komplementäre Heilverfahren und Ernährung der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie e.V. (DGRh).
Die Experten prüften die Wirksamkeit der geläufigsten pflanzlichen Präparate. Zum Welt-Rheuma-Tag am 12. Oktober gibt es hier die Ergebnisse: Trotz der großen Beliebtheit konnten die Prüfer kaum einem Mittel einen spürbaren Effekt bescheinigen. Schlimmer noch: Einige bergen sogar Risiken.
Evidenz ist spärlich
Die Bewertung erfolgte anhand einer Recherche über wissenschaftliche Literatur zu ausgewählten frei verkäuflichen und verschreibungspflichtigen pflanzlichen Zubereitungen. Zusätzlich prüften die Experten mögliche Anwendungen in der Rheumatologie. Konkret schauten sich die Wissenschaftler die Wirksamkeit von Borretschöl, Brennessel- und Cannabis-Präparaten sowie von Zubereitungen mit Rosa canina (Heckenrose), Rosmarin, Safran und Weidenrinde an. Außerdem untersuchte die Kommission die Datenlage zu einem beliebten Mischpräparat aus Eschen- und Zitterpappelrinde und Echtem Goldrutenkraut (Phytodolor®).
Ihr Fazit: Auch wenn für alle untersuchten Pflanzenstoffe Berichte über entzündungshemmende oder immunologische Effekte in vitro und/oder am Tiermodell vorliegen, ist ein klinisch nachgewiesener Nutzen sehr spärlich. Prof. Dr. med. Gernot Keyßer, Halle, fasst zusammen:
Keines der untersuchten Präparate hat eine therapeutische Wirksamkeit, die eine Anwendung bei rheumatischen Erkrankungen rechtfertigt. Das gilt insbesondere für entzündliche Gelenkerkrankungen.“
Im Einzelnen ergab die Prüfung folgende zentrale Ergebnisse:
- Pflanzliche Mittel auf der Basis von Safran und Rosmarin empfiehlt die Kommission generell nicht.
- Borretschöl aus Samen kann bei standardisierter Herstellung im Rahmen einer gesundheitsbewussten Ernährung eingenommen werden. Eine nennenswerte entzündungshemmende Wirkung ist jedoch nicht zu erwarten. Die übrigen Pflanzenteile von Borretsch enthalten Pyrrolizidinalkaloide, die als mutagen, karzinogen und lebertoxisch eingestuft sind.
- Von Präparaten auf Basis von Brennnessel, Weidenrinde oder Rosa canina müssen Rheumatologen nicht abraten, wenn ansonsten eine sinnvolle Basistherapie eingehalten wird. Gleiches gilt für das untersuchte Mischpräparat.
- Für medizinisches Cannabis existiert keine ausreichende Evidenz, die eine Empfehlung bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen zur Krankheitsmodifikation oder zur symptomatischen Therapie rechtfertigt. In Einzelfällen kann jedoch die Anwendung zur Reduktion von chronischen, insbesondere neuropathischen Schmerzen sowie Schlafstörungen gerechtfertigt sein.
Nicht ohne Risiko
Der Stellenwert der Phytotherapie für das Fachgebiet Rheuma ist gering und ihre Anwendung nicht als risikofrei anzusehen, ergänzt Prof. Dr. med. Christof Specker, Essen. Normalerweise müssten vor einer Zulassung die Wirksamkeit durch klinische Studien bestätigt sein. Es gebe aber Ausnahmen, etwa für „traditionelle“ Präparate, die seit mindestens 30 Jahren medizinisch eingesetzt werden.
Zudem sprach er den weit verbreiteten Irrglauben an, dass pflanzliche Mittel keine Nebenwirkungen mit sich bringen könnten. „Hier sind etwa Magen-Darm-Beschwerden, allergische Reaktionen und Hautprobleme zu nennen“, so Specker. Insofern lautet die Expertenempfehlung nachdrücklich:
Pflanzliche Heilmittel können eine Basistherapie höchstens ergänzen, aber niemals ersetzen.“
Ihr ergänzender Aufruf an die Patienten: Die Einnahme frei verkäuflicher Präparate mit den behandelnden Rheumatologen abstimmen.
Empfehlungen der Expertenkommission zur Anwendung komplementärer Heilverfahren bei Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises sollen in Kürze veröffentlicht werden.
Quellen
Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie e. V. (DGRh). DGRh bescheinigt Heilpflanzen-Präparaten geringen Nutzen bei Rheuma. Pressemitteilung Nr. 13/24 vom 16. September 2024.
Professor Dr. med. Gernot Keyßer. „Komplementäre Heilverfahren: Arzneipflanzen zur Behandlung der rheumatoiden Arthritis“. Kongress-Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie e. V. am 19. September 2024.
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