Im Jahr 1924 erhielt Einthoven den Nobelpreis für die Erfindung des EKGs. Heute – 100 Jahre später – kann das EKG bereits mit der Smartwatch aufgezeichnet werden. In einer Sitzung des 130. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) in Wiesbaden erläuterte Priv.-Doz. Dr. Jens Eckstein, Universitätsspital Basel, weitere Innovationen der Inneren Medizin.
Von der Anamnese …
Begonnen bei der Anamnese des Patienten beleuchtete Eckstein die Chancen von Übersetzungsgeräten für Nichtmuttersprachler, die eine unkomplizierte Live-Übersetzung des Gesprächs ermöglichen. Doch Vorsicht ist geboten: Meist wird das Gespräch dabei auf eine externe Übersetzungsplattform gespielt, was die Diskretion des Anamnesegesprächs stört. Um Übersetzungsgeräte nutzen zu können, muss neben der fachlichen Validität also der Vertraulichkeitsaspekt berücksichtigt werden.
Tools wie Google Translate erfüllen diese Anforderungen noch nicht.
Weitaus beeindruckender ist der Prototyp eines „Anamnese-Schalters“, der am Universitätsspital Basel entwickelt wurde: Ausgestattet mit Kartenlesegerät, Barcode-Scanner, Touchscreen und Kamera ermöglicht der Schalter ein einfaches „Check-In“ der Patienten in die Praxis. Durch eine zusätzliche Messung der Herz- und Atemfrequenz kann bereits bei Betreten der Praxis eine erste Verdachtsdiagnose gestellt werden. Großflächig eingesetzt wird der Schalter allerdings noch nicht, so Eckstein.
Ein Nachfolgeprojekt dieses Schalters, entwickelt in Marburg, stellt eine Art „Anamnese-Kammer“ dar. Diese Kammer könnte ein ganzes Anamnese-Gespräch mit einem Avatar ermöglichen, gesteuert durch eine künstliche Intelligenz. Neben der Kommunikation mit dem Patienten könnten durch Gesichtsanalysen und kontaktlose Messungen innerhalb der Kammer Dysmorphien und Vitalparameter aufgezeichnet und mittels Algorithmus eine Diagnose gestellt werden.
… über Diagnostik …
Im Bereich der Diagnostik präsentierte Eckstein eine KI, die das Stethoskop des Arztes zukünftig ersetzen könnte, so die gewagte Hypothese des Referenten. Stattdessen können Herztöne über das Mikrofon des Smartphones aufgenommen und ausgewertet werden. Außerdem wurde ein innovatives Ultraschallgerät vorgestellt: Gerade mal in der Größe eines Smartphones ist das Gerät mit einem multimodalen Schallkopf und KI-basierter Analysesoftware ausgestattet. Ein integriertes Kommunikationssystem ermöglicht zudem den Austausch mit Kollegen während der Untersuchung.
Auch bei invasiven Untersuchungen ist die Technologie fortgeschritten: Bei einer KI-assistierten Koloskopie wird das Videosignal des Endoskops automatisch ausgewertet. Der Referent betonte allerdings die Wichtigkeit einer kooperativen Nutzung dieses Tools. Vollständig verlassen könne man sich auf das Ergebnis der KI bisher (noch) nicht.
… bis hin zur Behandlung
Im Bereich der Behandlung ging Eckstein insbesondere auf „Wearables“ ein. Dabei handelt es sich um kleine Computersysteme, die beispielsweise als Armband getragen werden und wichtige Vitalparameter des Patienten aufzeichnen. Bei stationären Patienten könnten diese Technologien unter anderem die nächtlichen Kontrollen ersparen. Auch außerhalb des stationären Settings könnten Wearables eine Bereicherung sein – zum Beispiel in der Telemedizin. Aktuell wird die Funktionalität dieser Systeme in einer Studie getestet.
Fazit
Es klingt wie ein futuristischer Film: Avatare, die mittels künstlicher Intelligenz Diagnosen stellen, Kardiogramme mit dem Smartphone und Telemedizin via Wearables. Die Innovationen der Inneren Medizin sind beeindruckend. Für die Implementierung der neuen Technologien muss allerdings auch das entsprechende Wissen und Vertrauen im Gesundheitswesen gefestigt werden. Einige Systeme sind zudem noch nicht vollständig ausgereift oder unzureichend an Anwendungsfällen getestet. So werden laut Eckstein noch ein paar Jahre ins Land ziehen, bis von einer tiefgreifenden und nachhaltigen Veränderung ausgegangen werden kann.
Quelle
Priv.-Doz. Dr. Jens Eckstein, Basel. Quo vadis KI? Wo steht KI in der Inneren Medizin heute – und wohin entwickelt sie sich? 130. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. Online 15. April 2024.